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Auschwitz – Dachau: Gedanken – 1. Seite

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Juni: 13. | 14. | 16. | 17.18. | 19. | 20. | 22.zu den weiteren Tagen (klick hier)

aktualisiert 16.07.2003


12. Juni 2003 – Dachau – Prag

Es ist der Tag des Abschieds, aber auch der Tag des Anfangs, des Beginnens.

Die Fahrt nach Dachau zur Gedenkstätte. Es ist Mittag, gegen 13.30 Uhr. Ich gehe vom Seiteneingang aus 60 Schritte auf das Jourhaus zu, hebe den ersten Stein auf. 60 Schritte: 60 Tage habe ich für die Wanderung geplant, 60 Birken stehen neben dem Jourhaus, Birken, die nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau gepflanzt wurden.
Ich sitze allein im Zug, obwohl viele Menschen mit mir im Zug sind.

Zunächst lese ich bekannte Namen, wenn in Bahnhöfen gehalten wird: Freising, Moosburg, Landshut. Die Landschaft scheint mir vertraut, auch wenn ich sie noch nicht wirklich erfahren habe. Die Orte sehen so aus, als könnten sie einfach in die Nähe von München versetzt werden und niemand würde es merken.

Ceska Kubice*, die erste Station nach der Grenze, die fremden Buchstaben beginnen. Von der fremden Sprache ganz abgesehen. Der zweite Ort, durch den der Zug fährt, heißt Babylon. Ich meine, ich habe richtig gelesen: Babylon. Das Hotel Praha, ein weißer Kasten, relativiert den hier seltsam anmutenden Ortsnamen.
Pünktlich erreiche ich Prag-Smichow. Am Bahnsteig gegenüber steht der Zug, der mich nach Cadca in die Slowakei bringen wird. Ich steige ein, der Schaffner zeigt mir meinen Liegeplatz. Wir fahren durch das nächtliche Prag.
Ich sehe in der Ferne den hell erleuchteten Hradschin.

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13. Juni – Oswiecim*

Es ist 5 Uhr morgens. Ich klettere aus meiner Koje herunter, ziehe mich an. Draußen regnet es. Hinter den tiefhängenden Wolken sehe ich Berge. Ich weiß nicht wirklich, wo ich bin. Die Namen der Bahnhöfe bieten mir keine Orientierung.

Ich sehe Eisenbahnwaggons, die mit Kohle beladen sind, riesige Fabrikanlagen mit Schornsteinen, Förderbändern, Rohren, die an den Gebäuden entlang und in sie hineinführen.

In Cadca steige ich in den Zug nach Zwardon um, der bereits wartet. Langsam, immer wieder in kleinen Orten haltend, fährt der Zug bergan. Es regnet noch immer, doch ich sehe bereits den blauen Himmel, der wieder einen klaren und heißen Tag bringen wird.

Ich bin in Polen, in Zwardon. Ich wechsle in den Zug Richtung Katowice, der langsam bergab fährt. Auch er hält oft, manchmal mitten im Wald an halbverfallenen Wartehäuschen. Umso überraschender ist es für mich, dass hier immer wieder Menschen einsteigen.
In dem Gebiet, durch das der Zug fährt, gibt es Skilifte. Angesichts meiner Wanderung macht mir das Angst. Die Berge sind nicht wirklich hoch, aber sie zeigen mir deutlich, wie beschwerlich der erste Teil meines Weges werden wird. Als ich mir die Karte ansehe, bemerke ich, dass der Zug außerdem in einem weiten Bogen fährt, ein Bogen, den ich nicht werde ausgehen müssen.

Bei Zywiec überquert der Zug die Sola, den Fluss, der auch durch Auschwitz fließt. An der Bahnstrecke wachsen immer wieder Birken, zum Teil sind es sehr junge Bäume mit dünnen, weißen Stämmen. In Czechowice-Dziedzice muss ich ein letztes Mal umsteigen.

Ich warte auf den Zug nach Oswiecim.
Ich bin ziemlich am Ende meiner Kräfte. In den vergangenen etwa 28 Stunden habe ich nur ein bißchen im Liegewagen von Prag nach Cadca geschlafen. Der Zug nach Oswiecim fährt wegen des schlechten Zustandes der Strecke praktisch im Schritttempo. Der Bahnhof in Brzeszcze Jawiszowice ist eine einzige faschistische Graffiti: Heil Hitler, White Power Wisla, Judy verrecke. Ich bin schockiert, so wenige Kilometer vor Auschwitz auf derartige Dokumente des Hasses zu stoßen.

Endlich komme ich an. Ich will auf dem schnellsten Wege ins Centrum Dialogu, wo ich ein Zimmer reserviert habe. Ich frage nach dem Weg, aber die Einschränkung, nur die Zeichensprache benutzen zu können, führt mich zweimal in die falsche Richtung. Verschwitzt, müde und deprimiert komme ich schließlich an.
Das Zimmer ist sehr klein, die Polin an der Rezeption sagt mir gleich, dass ich morgen ein anderes bekommen werde. Mir ist das völlig egal. Ich bin nur froh, da zu sein.

Ehe ich einschlafe, schreibe ich mir noch folgenden Satz auf:
Ich bin zu sehr in Gedanken, die Wanderung gemacht zu haben als in Gedanken, sie zu machen.

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14. Juni – Oswiecim · Banalität des Grauens

Ich habe lange und gut geschlafen. Ehe ich ins Bett ging, habe ich mir einen Turban um den Kopf gewickelt und die Fischerhose angezogen, was mir gut getan hat, da es mir ein Gefühl von Vertrautheit gegeben hat. Ich fühle mich mehr in meiner Mitte, mehr in dem Raum, der mich jetzt umgibt.

Ich mache mich auf den Weg zum Museum im ehemaligen Lager Auschwitz I.

Nach 60 Schritten, die ich vom Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ in die Gedenkstätte hinein mache, lege ich den Stein aus Dachau ab. Ich entschließe mich, bereits jetzt den Stein mitzunehmen, der mich auf dem ersten Tag meiner Wanderung begleiten wird.

Beim Löschteich, der in der Form eines Schwimmingpools wahrscheinlich 1944 errichtet wurde, entdecke ich eines dieser Details, die mir heute noch mehrere Male begegnen werden: das Rohr des Wasserzulaufs endet im Maul einer Tierfratze, die knapp oberhalb der Wasseroberfläche angebracht ist. Darüber der vielleicht knapp zwei Meter hohe Sprungturm, daneben zwei Eisenleitern, die ins Wasser führen. Es ist diese kleine banale Tierfratze, die mir Angst einjagt, in der sich mir die Nazifratze zeigt.

Noch mehrere Male wird sich heute diese Banalität zeigen, die die Nazi-Zeit auch heute noch so beängstigend macht. Zunächst sind es die schmiedeeisernen Laternen mit ihren Glaseinsätzen und dem schmiedeeisernen Dach über den Blockeingängen. Selbst die Nummern, verspielt gestaltet, sind aus Schmiedeeisen. Und, ich möchte fast sagen, natürlich hat der Seiteneingang des Blocks die Nummer a – Ordnung muss sein.

Ich habe mich lange im Lagermuseum aufgehalten, mir Zeit gelassen. Die Größe der Blocks, dieses Festgefügte der gemauerten Häuser hatte ich nicht erwartet, obwohl ich Fotos kannte. Das Grauen des Ortes ist hier mehr hinter einer scheinbar architektonischen Normalität verborgen. Dafür zeigt sich mir mehr diese Biederkeit, diese Banalität, der SS-Mann, der es gerne etwas gemütlich hat nach dem Morden. Und außerdem im Grunde seines Herzens ein Mann von Kultur ist, ein liebender Vater, ein Kumpel, ein Freund, einer der Spaß versteht und auch gerne mal in trauter Runde ein Gläschen hebt.

Auf der Fahrt nach Oswiecim fiel mir ein Begriff ein, den mir ein Bekannter hinwarf, als ich ihm von meinem Projekt erzählte: Sühnemarsch.
Ich will und kann mit meiner Wanderung nicht sühnen, ich kann und will aber gedenken.
Vor dem Block 27, der das Martyrium der Juden behandelt und darstellt, hat am 60. Jahrestag des Gettoaufstands in Warschau am 29. April 2003 (27. Nissan 5763) der israelische Präsident Moshe Katsav eine Birke gepflanzt. Wieder die Birke.

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16. Juni – Auschwitz – Birkenau · Die Täter sind seltsam abwesend

Ich habe nochmals Lager Auschwitz I besucht.
Ein kleiner Raum im Block 11 hatte mich bereits bei meinem ersten Besuch stark angesprochen. Es ist der zweite Raum links im Erdgeschoss. Auf dem Boden liegen ausgeblichene, schmutzige, zerrissene Stepp- und Wolldecken in unterschiedlichen Größen. Sie bedecken gut zwei Drittel des roten Fußbodens. Sie wirken wie zufällig hingelegt und doch bilden sie in dieser scheinbaren Regellosigkeit ein System senkrechter und waagrechter sich überlagernder und überschneidender Linien parallel zu den Wänden des Raumes. Zwischen den zwei Fenstern, an der der Tür gegenüberliegenden Wand hängt ein Foto.
Es zeigt den Raum wie ihn die befreienden Soldaten der Roten Armee 1945 vorgefunden hatten.
Vor dem mächtigen Heizkörper, dessen dunkle Röhren die Wand unterhalb der Fenster ganz ausfüllen, liegen in zerschlissene, dünne Decken gehüllt die Leichen ermordeter und gestorbener Häftlinge. Ihre Köpfe oder ihre Füße sind zum Heizkörper hin ausgerichtet. Ihre Körper bilden senkrechte Linien auf die Tür zu, an der ich jetzt stehe und durch eine Glasscheibe auf die ausgeblichenen, schmutzigen zerrissenen Stepp- und Wolldecken blicke.

Dieser Raum zeigt für mich in der Gedenkstätte wie kein anderer den großen Verlust, die Leere, die dieses mörderische Tun hinterlassen hat. Er zeigt es auf eine eindringliche und stille Weise.
Von der Gedenkstätte Auschwitz I bin ich zu Fuß hinausgegangen nach Birkenau (Brzezinka). Kurz hinter Oswiecim überquerte ich die Eisenbahnlinie, kam in den Ort Brzezinka.
Birkenau ist unendlich groß. Überall sehe ich Stacheldrahtzäune, ein undurchdringliches Gewirr von immer neuen Begrenzungen aufgehängt an den oben einwärts geschwungenen Betonpfosten mit ihren weißen Keramikisolatoren.

Ich sehe auch viel Grün, ich sehe dieses Grün gelb, rot, weiß, blau durchsetzt, ich sehe Schmetterlinge, Schwalben, andere Vögel (ich bin kein guter Vogelkenner, um zu sagen, wie sie heißen). Sie sitzen auf den Stacheldrähten, fliegen wieder auf, um sich ein paar Drähte weiter wieder niederzulassen oder aber sie fliegen ins Gras oder hinüber zu den Holzbaracken, die eigentlich als Ställe für Militärpferde gedacht waren.
Wo hätten die Vögel sitzen sollen, als das Lager in Betrieb war? Die Drähte waren elektrisch geladen, Rasen gab es nicht in Birkenau. Die Natur musste sich wohl aus Birkenau, aus jedem Konzentrationslager zurückziehen. Es konnte nur von ihr bleiben, was die Häftlinge zusätzlich peinigte.
Wenige Meter hinter dem Tor werden aus dem Bahngleis zwei, dann drei. Zwischen den beiden rechten liegt die Rampe, eine Fläche aus gelbbraunem grobkörnigen verdichteten Sand.
Ich gehe entlang der Rampe eine der seitlichen Natursteineinfassungen hinunter. Es sind 683 Schritte, vorbei an zwei Telefonmasten im hinteren und vorderen Bereich der Rampe. Am Ende des Gleises links und rechts die Krematorien II und III, gesprengt beide von den Nazis, um zu vertuschen, was nicht zu vertuschen war. Zehn Stufen führten hinunter in das Inferno, zehn harmlose Stufen auf eine geöffnete Tür zu, hinter der der Umkleideraum lag. Der Raum, um sich auszuziehen für den Tod, der ein paar Meter weiter vorne schon wartete mit den Zyklon B-Büchsen. Oder aber es konnte auch ein paar Stufen hinaufgehen, um ins Inferno geschleudert zu werden, wie beim Krematorium V.

Neben den Krematorien kleine verschilfte Tümpel, in denen Frösche quaken. Davor vier schwarze Gedenksteine in Polnisch, Englisch, Hebräsich (die beiden rechten mit hebräischen Inschriften): „Dem Gedenken an die Männer, Frauen und Kinder, die Opfer wurden des Nazi Genozids. Hier liegt ihre Asche. Mögen ihre Seelen in Frieden ruhen.“

Ich befinde mich im letzten Raum des sogenannten Saunagebäudes. Es ist der Raum, in dem für die, die nicht gleich ins Gas geschickt worden waren, das Lagersterben begann. Sie waren desinfiziert und eingekleidet, ihre abrasierte Körperbehaarung war wie ihr geraubtes Eigentum auf dem Weg in eine der Baracken des benachbarten Canada, um zurück ins Reich geschickt zu werden.
Hier in diesem letzten Raum, der abgedunkelt ist, steht heute eine schwarze Wand mit Fotografien, die von Punktleuchten matt angestrahlt werden.
Auf einigen der Fotos haben sich die Personen mit dem Judenstern auf der Kleidung ablichten lassen. Da ist das ältere Ehepaar mit der Tochter. Der Vater in der Mitte blickt mit großen ängstlichen Augen in die Kamera, der Judenstern auf seinem dunklen Mantel befindet sich zentral im Bild. Links von ihm, verschmitzt und schüchtern wohl seine Frau, ihre Haltung ist leicht gebeugt. Die Tochter dagegen wirkt größer als der Vater, obwohl sie es nicht ist. Aufrecht steht sie da, mit offenem Blick.
Ganz in der Nähe hängt ein Gruppenbild mit acht jungen Frauen und einem Mann in ihrer Mitte. Vier Frauen sitzen, vier Frauen und der Mann stehen dahinter. Die weißen Krägen der Blusen und des Hemdes leuchten aus dem Bild. Sie blicken stolz und selbstbewusst, ihre befohlene jüdische Kennzeichnung selbstverständlich präsentierend. Da, rechts vorne sitzt sie wieder, die Tochter aus dem anderen Bild. Ich bin mir sicher, dass sie es ist.
Und dann finde ich sie noch einmal, zusammen mit zwei Frauen, die bereits mit ihr auf dem Gruppenbild waren. Diesmal steht sie links. Sie hat den Kopf leicht gegen die Freundin, Schwester(?) in der Mitte gelegt. Waren es die letzten Fotos, die sie machen ließ, um sie als Erinnerungen mit auf den Transport zu nehmen?
Birkenau ist wirklich riesig. Ich bin entsetzt, wie groß es ist. Ich gehe auf das ehemalige Kommandaturgebäude zu, vorbei am Krankenlager, dem Zigeunerlager, dem Theresienstädter Familienlager, einem Männerlager, Frauenlager. Lager, Lager, voneinander getrennt durch Stacheldraht.
Ich kehre zurück zur sogenannten Hauptwache. Ich bin müde. Ich mache mich auf den Weg zurück. Von der Eisenbahnbrücke kurz vor Oswiecim ist von den Schienen nach Birkenau nichts mehr zu sehen, obwohl sie nicht weit von hier Teil der Strecke Krakow (Krakau) – Czechowice-Dziedzice wurden.

Als ich heute nochmals ins Auschwitzmuseum ging, eigentlich nur, um noch ein paar Dinge zu überprüfen, die ich mir unklar notiert hatte, war da plötzlich die Frage: Wo sind hier eigentlich die Täter? Und wo sind die Zuschauer (Gaffer)? Wo sind die, die Menschen zu Opfern machten?
Ich habe den Eindruck, dass die Gedenkstätten versuchen, wenigstens einige der Opfer ihrer Namenlosigkeit oder ihrer Quasi-Nichtexistenz zu entreißen, um ihnen wenigstens ein Gewesensein zurückzugeben; ein Gewesensein mit einer Geschichte als Mensch. So bei den Fotos im ehemaligen Saunagebäude, so bei den Porträtgalerien in einigen der Blocks im Museum.

Die Täter sind seltsam abwesend. Sie sind zu sehen als Uniformen bei Selektionen, bei Arbeitseinsätzen, auf den Fotos, die das Leben im Lager zeigen. Wo sind aber ihre Namen, ihre Gesichter, ihre Geschichten?
Einschränkend muss ich sagen, dass ich nicht alle Ausstellungsräume besucht habe. Vielleicht habe ich also auch etwas in dieser Richtung übersehen. Es gibt aber keinen Bereich, der sich explizit mit dem Täteraspekt beschäftigt.

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17. Juni – Der erste Tag des Gehens

Es war ein langer anstrengender Tag, dieser erste Tag des Gehens. Bis ich gegen 13.30 Uhr in Bielsko-Biala ankam, lief alles auch ganz gut. Dann begannen aber die Wirrnisse auf der Suche nach dem Hotel, das ich mir eigentlich von Oswiecim aus ausgedacht hatte und dort hatte anrufen lassen.
Als ich das Hotel endlich gefunden hatte, ein Jugendhotel, stellte ich fest, dass die Rezeption nur von 17 bis 20 Uhr besetzt ist. Die Tür war zu. Also machte ich mich auf die Suche nach einem anderen Zimmer. Von der Stadtinformation mit einem Lageplan und einigen eingezeichneten Hotels machte ich mich auf den Weg. Und verlief mich.
Im Süden entdeckte ich auf dem Lageplan noch einige Hotels. Also packte ich nochmal an und ging los. Ich glaube, es hat sich gelohnt. Ich bin raus aus der Stadt, vor meinem Fenster wachsen Bäume, ich höre zwitschernde Vögel.

Der Stein aus Auschwitz ist abgelegt. Den Stein für den nächsten Tag habe ich bereits mit aufs Zimmer genommen. Ich werde es jetzt immer so halten, werde Ablegen und Aufnehmen direkt hintereinander machen. Ich finde es ein schönes Gefühl, den mitzunehmenden Stein wenigstens eine Nacht um mich zu haben. Außerdem scheint mir durch die zeitliche und örtliche Nähe des Ablegens und Aufhebens am wenigsten das Gleichgewicht gestört, ich greife am wenigsten ein.

Noch ein paar Gedanken zum Täteraspekt von gestern: Natürlich scheint der Täter (der Zuschauer) im Opfer auf, denn ohne den Täter (den Zuschauer) kann das Opfer nicht Opfer sein. Ich meine aber, dass der Täter (der Zuschauer), wenn er nicht explizit genannt wird, nicht vorkommt, sich im Opfer versteckt und langsam verschwindet. Dem Opfer wird der Täter (der Zuschauer) quasi einverleibt und wird dadurch unsichtbar. Gleichzeitig muss der Täter (der Zuschauer) aber sichtbar bleiben oder überhaupt erst sichtbar gemacht werden, da sonst das Opfer quasi zum Opfer aus sich selbst wird. Es gibt dann gar keine Verbindung mehr zwischen Täter, Zuschauer, Opfer.

Auch die Abwesenheit des heutigen Deutschland in den Gedenkstätten beschäftigt mich. Der Text auf der Gedenktafel des internationalen Mahnmals ist so allgemein, als hätte das gar nichts mit Deutschland, mit uns zu tun.
„Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit. Hier ermordeten die Nazis etwa anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder. Die meisten waren Juden aus verschiedenen Ländern Europas. Auschwitz-Birkenau 1940 – 1945.“

Nichts zum Thema Schuld, Verantwortung, Bedauern, Scham, was auch immer. Und dass die Nazis aus Deutschland kamen dürfte zwar bekannt sein, aber warum steht es dann da nicht?

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18. Juni 2003 – Ungestellte Fragen

Der Tag heute war besser als der gestrige. Ich war früher an meinem Zielort Zywiec und bezüglich Hotel habe ich mich schneller und pragmatischer entschlossen.

Den Weg habe ich heute gut gefunden. Die Wanderkarte ist zur Orientierung wunderbar. Die Route führte zunächst hinauf auf einen Ausläufer der Beskiden. Ein kurzer Anstieg, der es aber mächtig in sich hatte. Die Beskiden habe ich dann aber wieder verlassen und mich östlich davon im Flachland gehalten.
Anfangs war es strahlend schön, nicht zu heiß, da ein leichter Wind ging. Am Spätvormittag bildete sich eine durchgehende Wolkendecke, kurz vor Zywiec begann es leicht zu regnen. Einen Wolkenbruch gab es erst, als ich bereits im Zimmer war.

Wie es morgen werden wird, weiß ich nicht. Ich bin aber guter Dinge vor meiner nächsten Etappe in Richtung Slowakei. Den Füßen geht es gut, auch wenn sich einige Blasen gebildet haben. Die Schmerzen in den Schultern sind auszuhalten und verschwinden über Nacht. Ich versuche mehr auf meinen Körper zu achten, gönne ihm immer wieder Pausen. Ich denke, ich werde nicht nur mehr ins Gehen kommen, ich werde auch die richtige Einteilung der Routen finden.
Die Bushäuschen haben für mich während der zwei Tage der Wanderung bereits an Wichtigkeit gewonnen. Und das nicht, weil sie bei zu großer Erschöpfung Rettung versprechen. Sie sind in der Karte eingezeichnet und damit neben den Kirchen, die selbst in kleinen Orten oft groß sind, und den Brücken ein wichtiger Orientierungspunkt. Und sie verprechen eine überdachte Bank, sind also ein potentieller Pausenort oder Regenschutz. Da das polnische Busnetz flächendeckend organisiert ist, gibt es viele davon.

Durch Zywiec fließt die Sola. Das ist das Verbindende zwischen den beiden Orten Oswiecim und Zywiec. Erneut ein kleiner Hinweis, dass ich erst gestern früh Auschwitz verlassen habe.
Unter anderem habe ich ein Bild mitgenommen, das mir während des Gehens wieder einfiel. Es gab ein Foto von der Rampe, auf dem bei einer Selektion ein Deutscher zu sehen war, der mich an meinen Vater erinnerte. Wieder dieser kurze Moment des Erschreckens wie in der Ausstellung in Nürnberg. Auch dort erinnerte mich ein Deutscher an meinen Vater, einer der gerade einen Juden mit einer Pistole erschoss.
Ich habe mit meinem Vater nicht wirklich viel über die Zeit des Nationalsozialismus gesprochen. Ab und zu erzählte mein Vater vom Krieg, was ihn aber meist so aufwühlte, dass am nächsten Tag signalisiert wurde, es sei nicht gut darüber zu reden. Und ich habe mich damit einverstanden erklärt, indem ich nicht weiter gefragt habe.
Ich will meinem Vater nicht unterstellen, dass mein Vater ein Täter war. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass ich es versäumt habe, zu versuchen Klarheit zu schaffen. Ich habe das Redeverbot akzeptiert, ich habe die Geschichten Geschichten sein lassen, ohne nach den nicht erzählten Teilen zu forschen.
Und meine Mutter? Ich meine mich zu erinnern, dass sie sagte, sie habe gewusst, dass man in der Reichsprogromnacht die Leipziger Juden am Ufer der Pleiße zusammengetrieben habe. Sie habe aber nicht gewusst, was dann mit ihnen geschehen sei. Auch da habe ich nicht nachgebohrt, habe keine Fragen gestellt, um dem auf die Spur zu kommen, was vielleicht Wahrheit heißen könnte. Diese Verantwortung habe ich als Sohn nicht übernommen.

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19. Juni 2003 – Mein Hut bringt die Leute zum Lachen

Mein kleines Notizbuch war weg, ich hatte es auf dem Weg zum Grojec oberhalb Zywiec verloren, habe es aber wieder gefunden.
Es ist Fronleichnam. Als ich um 7 Uhr über den Marktplatz von Zywiec ging, war er gähnend leer. Nur die aufgespannten Schirme der Lokale waren da. Sie machen zwar Reklame für einheimische Biere (Zywiec, Warka), aber eigentlich sind es gesichtslose, amerikanische Lokale, die Hot Dogs und Hamburger, Coca- und Pepsi-Cola anbieten, die so auch irgendwo anders auf der Welt stehen könnten.

Mein tägliches Lied kam heute aus der Zywiecer Kirche. Gesungen wurde es von einer einzelnen männlichen Stimme, ich nehme an, es war die Stimme des Priesters. Heute scheinen alle Polinnen und Polen in der Kirche zu sein. Auch verstand ich heute besser, warum selbst in kleineren Orten die Kirchen groß sind. Als ich durch Wierpz gehe, wirkt der Ort wie ausgestorben, selbst die Hunde machen sich nicht durch ihr Bellen bemerkbar.
Wenn ich durch Orte gehe, habe ich das Gefühl, dass die älteren Menschen eher meinem Blick ausweichen. Wenn ich sie auf Polnisch begrüße (eines der wenigen Worte, zu denen ich fähig bin), antworten sie und manchmal lächeln sie. Die Kinder und Jugendlichen zeigen ihre Neugier direkt. Sie schauen mich an, machen andere manchmal auf mich aufmerksam. Ich denke mein Hut hat es ihnen ganz besonders angetan, ich sehe es an ihren Blicken und Gesten. Und in meinem Rücken höre ich oft ihr Lachen.

Als ich auf dem Grojec ankam, fand ich unzählige Neonaziparolen auf ein kleines weißes Technikgebäude gesprüht: Judy Raks; Skins Head; Nazi Front; Hakenkreuze. Anders als in München sind sie hier viel deutlicher zu sehen, die Glatzen mit den Pitbull-Shirts und manchmal auch mit den entsprechenden Hunden. Ich habe sie in Bielsko-Biala gesehen, in Zywiec, in den Dörfern nicht.

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20. Juni 2003 – Einladung zum Tee

Heute ist ein schwieriger Tag. Ich habe zwar mein Etappenziel Skalite in der Slowakei gut erreicht, aber die Probleme mit meinen Füßen nehmen zu.
Im Laufe des Tages gab es zwei heftige Wolkenbrüche. Jedesmal hatte ich Glück. Beim ersten Mal machte ich gerade Pause unter einer mächtigen Weide, die mich gut beschirmte, beim zweiten Mal fragte ich in einem Naturfreundehaus oberhalb von Zwardon nach dem Weg. Da dieser Schauer wirklich heftig war und auch ordentlich lang dauerte, blieb ich etwa eine Stunde dort und trank Tee.

Ich hatte vor dem Haus einen Mann nach dem Grenzübergang in die Slowakei gefragt, da mir die Karte hier nicht eindeutig war. Er sprach etwas Englisch. Seine Auskünfte waren unklar und ich wusste nicht recht, was ich mit ihnen anfangen sollte. Als ich bei meinem Tee im Gastraum saß, kam er nochmals mit der Karte (übrigens die gleiche, die ich benutzte) und erklärte mich erneut, wie ich wohl am besten nach Skalite käme. Offensichtlich gab es oberhalb des Hauses Dworzec Beskidzki, so hieß es, eine grüne Grenze mit einem einfachen Grenzstein und je einem offiziellen Schild auf jeder Seite. So sollte ich gehen.
Mein freundlicher Auskunftgeber, der einen Freund in Brüssel und London hatte, kam wieder herein, brachte mir einen Teller mit Keksen zum Tee. Er war wirklich ausgesprochen nett und besorgt um mich.
Als ich meinen Tee zahlen wollte, war er schon wieder da und erklärte mir, alles sei bezahlt. Ich wusste wirklich nicht, wie mir geschah. Auf dem Weg zur grünen Grenze traf ich ihn nochmals, diesmal zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter. Sie brachten mich bis zum Grenzstein, und er verabschiedete sich von mir mit Handschlag: „Good luck“, sagte er.

Hinter Milowka habe ich heute die Sola verlassen. Es gibt also jetzt nur noch den Weg der Steine als „direkte“ Verbindung nach Auschwitz/Oswiecim. Und meine Gedanken. Heute habe ich allerdings nicht sehr viel darüber nachgedacht. Mir fiel ein, dass der Auschwitz-Flüchtling Vrba, ein Slowake, sich durch diese Gegend in die Slowakei durchgeschlagen hat, um sich selbst zu retten und um zu versuchen, die ungarischen Juden vor der Deportation und dem Vergasen zu retten. Seine persönliche Rettung gelang, die Ermordung eines Großteils der ungarischen Juden konnte er nicht verhindern.

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22. Juni 2003 – Viel Slowakisch, etwas Deutsch

Gestern habe ich nichts aufgeschrieben. Der Tag war physisch und psychisch zu anstrengend.
Eigentlich sollte es eine Entspannungsetappe werden. Deshalb hatte ich nur geplant, von Skalite nach Oscadnica zu gehen. Als ich dort aber bereits um 9 Uhr war (ich war um 6 Uhr losgegangen), entschloss ich mich, noch ein Stück weiter zu gehen. Nicht weit entfernt waren oberhalb eines Skilifts drei Hotels in meiner Karte eingezeichnet. Also wanderte ich hinauf zum Hladka, doch die Hotels waren geschlossen.
Ich wusste, links unten musste das Tal sein, das mich zum nächsten Ort mit einem Hotel führen würde. Ich entschloss mich zu versuchen, ins Tal ohne Weg abzusteigen, immerhin etwa 200 Höhenmeter.
Schließlich zeigte sich ein Weg, der schwer zu erkennen war. Der Boden war morastig, tief. Rechts von mir sah ich frisch geschlagene Bäume. Also musste es auch irgendwo eine Straße geben, um die Stämme aus dem Wald herauszutransportieren.
Ich bahnte mir weiter meinen Weg. Unterhalb tauchte endlich der ersehnte asphaltierte Weg auf (diesmal sehnte ich mich wirklich nach dem Asphalt), der begleitende Bach. Ich war richtig.
Es dauerte lange bis ich aus dem Tal herauskam und mich in Kycerovci auf die Bank in einem Buswartehäuschen setzen konnte.
Ich erreichte schließlich meinen Zielort Stara Bystrica. Aus der Entspannungsetappe ist eine richtig lange Wanderung geworden. Ich finde das Hotel neben der Kirche. Durch die Küche sehe ich in die eigentliche Gaststube. Ich gehe hinüber. An den Tischen sitzen einige alte Männer rauchend und redend vor ihren Biergläsern. Die Luft ist unbeschreiblich. Der Kellner hinter der Theke vermittelt mir, dass es das Hotel nicht mehr gibt.
In Cadca gäbe es Hotels, hatte er noch gesagt. Nein, nach Cadca wollte ich auf keinen Fall.
Da es wohl aussichtslos war, in der Nähe ein Zimmer zu finden, faltete ich nochmals die Karte auseinander, um irgendeine andere Lösung zu finden. Von Stara Bystrica führte ein Wanderweg über den Sedlo Korchan nach Lodno. Von dort waren es noch etwa 12 Kilometer bis Kysucke Nove Mesto, eine Stadt, in der es laut Karte mehrere Hotels gab. Ich war zwar müde, aber es war noch nicht allzu spät. Ich wollte es versuchen.
Der Wald war voller Wege, auf denen unendlich viel Dürrholz lag oder umgestürzte und abgebrochene Bäume. Es war ein mühsamer Weg hinauf, der viel von meinen Reserven forderte. Außerdem spürte ich, dass meine Füße gerne die Wanderschuhe verlassen und in eine Dusche steigen würden.

Ich ging noch ein paar Kilometer durch Lodno. Als ich an einer Bushaltestelle einen Jungen stehen sah, gab ich mein Vorhaben auf, nach Kysucke Nove Mesto zu gehen. Es wären noch etwa 8 Kilometer gewesen, also etwa
2 Stunden Fußmarsch, den größten Teil entlang der E75. Ich legte den Stein gegenüber der Bushaltestelle ab und hob einen neuen auf. Der Bus kam. Ich stieg ein und etwa in 20 Minuten war in Kysucke Nove Mesto.
Ich fand den Hinweis auf ein Hotel, fand das Hotel. Das Hotel war zu.
Ich wollte endlich den Rucksack von den Schultern bekommen, wollte irgendwo ankommen.
Ich fragte eine Frau auf der Straße nach einem Hotel. Die Frau, die etwas Deutsch sprach, sagte nur, sie würde mich hinbringen.
Es wäre wirklich schwer gewesen, mir den Weg zum Hotel zu erklären. Noch schwerer wäre es wohl aber für mich gewesen, die Erklärung überhaupt zu verstehen. Denn es wäre eine deutsch-slowakische Erklärung gewesen, den deutschen Teil hätte ich verstanden, nicht aber den slowakischen.

Es ist wirklich schrecklich, mit nur ein paar Worten, ein fremdes Land zu bereisen. Ihr Deutsch war zwar weit besser als mein Slowakisch, aber es bestand eben auch nur aus Bruchstücken eines einmonatigen Aufenthalts in Berlin. So viel zumindest konnte ich von ihr erfahren.

Sie brachte mich zum Hotel. Das Hotel ist eine andere Welt als die, aus der meine Begleiterin kam. Es gibt so viele Widersprüche, die sich nicht einfach auflösen lassen und die doch traurig machen.
Ich bin heute von meinem Plan abgewichen den Weg von Auschwitz nach Dachau zu wandern. Mir schien es aber einfach notwendig, die letzten Kilometer mit dem Bus zurückzulegen. Ich war ziemlich an der Grenze meiner Leistungsfähigkeit angekommen. Notwendig schien mir der Weg hinüber ins Tal der Kysuca in dem Kysucke Nove Mesto liegt. Wenn ich das nicht versucht hätte (und letztlich ja geschafft habe), hätte das für mich einen gewissen Bruch in der Wanderung bedeutet. So gibt es für mich eine Verbindung zwischen dem Stein in Lodno (der Ort liegt in einem Seitental der Kysuca) und dem Stein, den ich in Strecno ablegen werde.

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© Texte: Rainald Schwarz – Kartografie: Astrid Fischer-Leitl – Webmaster Bernd Hüller Offset-Service