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Auschwitz – Dachau: Gedanken – 3. Seite

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aktualisiert 31.07.2003


10. Juli 2003 – Der Tag der Begegnungen

Es begann damit, dass beim Frühstück am Nebentisch zwei Frauen etwa in meinem Alter saßen, die das Jakobswegbuch dabei hatten. Wir kamen ins Gespräch. Sie wollten aber zurück nach Würmla und von dort aus weitergehen. Ich setzte meine Wanderung in Michelndorf fort.

Da die Etappe nicht lang war, ließ ich mir unterwegs Zeit, machte immer wieder kleine Pausen. Als ich neben einem Wegkreuz hinter Langmannersdorf auf einer Bank saß, hielt neben mir eine Auto. Eine Frau stieg aus, fragte, ob ich auch auf dem Jakobsweg unterwegs sei. Ich erfuhr, dass sie aus der Gegend war und am Nachmittag mit einer Gruppe von Langmannersdorf nach Herzogenburg wandern wollte. Sie lud mich zum Heurigen ein und wollte mir dann eine ganz neue Karte der Region mitbringen, in der alle Wanderwege eingezeichnet wären. Die konnte ich gut gebrauchen.

Im Wald traf ich einen Mann, mit dem ich ebenfalls ins Gespräch kam. An der nächsten Rastbank hielt die Frau von vorher wieder an und gab mir die Wanderkarte. Sie konnte nicht herausgeben, also musste ich am Abend zum Heurigen.

In Herzogenburg hatte ich Zeit und konnte mir die Stadt und sogar das Stift anschauen. Dann ging’s zum Heurigen.
Da die Gruppe um meine Kartenverkäuferin noch nicht da war, setzte ich mich zu zwei Männern an den Tisch. Wir kamen, wie an diesem Tag nicht anders zu erwarten, ins Gespräch. Zugegebenermaßen kein ausgesprochen tiefgehendes Gespräch, aber auch nicht wirklich oberflächlich. Es ging um Heurige, Weinanbau, meine Wanderung, München, Herzogenburg.

Die Gruppe, auf die ich wartete, kam. Ich wechselte an ihren Tisch, wurde als „der Pilger“ vorgestellt. Sie waren sehr an meiner Wanderung interessiert, ich musste wieder einmal begründen, warum ich diese Wanderung unternommen habe, was ich für mich immer wieder gut finde, da ich es auch jedes Mal wieder für mich begründe. Es gab viele Nachfragen, viele eigene Gedanken, die hinzugefügt wurden. Ich fand es ein sehr gutes und anregendes Gespräch.

Als ich gehen wollte, setzte sich der Mann der Kartenverkäuferin zu mir und wollte wissen, ob ich nicht auch manchmal ein Gefühl der Schuld empfinde.
Ich weiß, dass ich nicht schuldig bin, aber ein Gefühl der Schuld kenne ich schon.
Da die deutsche Geschichte Teil meiner Geschichte ist, ist auch die Zeit des Nationalsozialismus in gewisser Weise ein Teil von mir.

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11. Juli 2003 – „Gemeinschaft der Seligpreisungen“

Ich verließ Herzogenburg in Richtung Rottersdorf und stand plötzlich vor einem sowjetischen Soldatenfriedhof. „Hier ruhen 241 Offiziere und Soldaten der Roten Armee“, hieß es auf der zentralen Tafel. 18 Grabstellen waren es, eine davon etwas größer, eine ohne Grabstein und damit ohne roten Stern und ohne Namenstafel. Die Daten, die ich lesen konnte, sprachen von April und Mai 1945.

Ich ging durch Neustift, einen kleinen Ort, der ausgestorben wirkte, obwohl er es nicht war.
An einem Traktor sah ich heute zum ersten Mal bewusst einen Mengele-Anhänger. Da war er wieder, Tinguelys Mengele-Altar. Irgendwie hatte ich angenommen, dass es diese Firma nicht mehr gibt. Aber als ich heute den Schriftzug sah, kam er mir bekannt vor, ohne dass ich hätte sagen können, wo ich ihn (außer in Basel) bereits gesehen hatte.

Jetzt bin ich in Maria Langegg, einem Kloster. Ich komme gerade von einer Sabbat-Feier, da die „Katholische Gemeinschaft der Seligpreisungen“ auch jüdische Elemente zu integrieren versucht. Sie feiern den Sabbat, sie begehen ihn aber nicht, wie mir Schwester Miriam in einer kleinen Einführung erklärte. Es wurde viel gesungen, auf Hebräisch, obwohl sie nicht Hebräisch sprechen. Fürbitten wurden gesprochen. Viel gedankt wurde, Gott wurde viel gedankt. Wein wurde geweiht. Der Wein wurde herumgereicht und getrunken, das Brot wurde herumgereicht und gegessen. In dieser Gemeinschaft leben Geweihte und Ungeweihte, also Priester, Nonnen, aber auch Ehepaare zusammen.

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12. Juli 2003 Befreiungsversuch

Ich bin Richtung Süden gegangen, sitze in einem Café in Melk. Ich werde nicht hinaufsteigen zum Stift. Ich merke, ich muss aufpassen, mich nicht zu verzetteln. Die Wanderung darf keine Kulturreise werden.
Während der letzten beiden Tage war ich stark mit christlichen GesprächspartnerInnen konfrontiert. Als ich in Maria Langegg ankam, bat ich die mich begrüßende Schwester Miriam, mir etwas über die Gemeinschaft der Seligpreisungen zu sagen. Sie stellte mir eine vorsichtige und wie ich finde gute Frage, ehe sie mit ihren Erläuterungen begann: „Sagt Ihnen Jesus etwas?“

Ganz anders ihr Bruder Marco, der während der Sabbat-Feier neben mir saß. Wir sprachen ein paar Sätze während des anschließenden Essens miteinander. Dann kam die Frage, um die es ihm, wie es mir schien, eigentlich von Beginn unseres Gespräches gegangen war: „Sind Sie gläubig? “ Nach meinem Gefühl eine zu persönliche Frage, die, nachdem wir gerade ein paar allgemeinere Sätze gesprochen hatten, über meine Grenzen ging.

Die meisten Menschen, die ich in dieser Gemeinschaft gesehen habe, waren sehr jung. Sie schienen mir aber bereits so fertig zu sein, so ohne Fragen, ohne Zweifel. Fertig in einem leblosen Sinne.

Ich mache Pause auf der Bank neben der kleinen Marienkapelle unterhalb des Purzeller Hofes. Ich beobachte eine Wespe, die sich in einem Spinnennetz unter dem vorspringenden Dach der Kapelle verfangen hat. Sie versucht sich zu befreien. Ich überlege, ob ich ihr helfen oder ob ich in den natürlichen Prozess nicht eingreifen soll. Wann ist Hilfe angebracht? Wann wird nichts tun zu Gleichgültigkeit?
Die Spinne ist aufgetaucht aus ihrer Deckung. Sie ist groß, schwarz, weit größer als das Opfer, dessen Kräfte nachzulassen scheinen. Die Wespe bleibt gefangen in den zarten Fäden, die ich von meinem Beobachtungsposten aus nicht sehe. Noch scheint der Spinne das Opfer zu stark zu sein, sie berührt die heftig Kämpfende, zieht sich dann aber zurück. Sie hat Zeit.

Ich bin der Zuschauer, der interessiert dem Kampf des Opfers zusieht, in diesem Netz, das die Täterin ausgelegt hat. Noch immer könnte ich von meiner Bank aufstehen, das Netz zerschlagen und das Opfer befreien.
Die Wespe leistet lange Widerstand. Von Zeit zu Zeit bewegen sich die Flügel, die Fühler, selbst die Beine. Am kräftigsten scheint sie mir, wenn sie den Hinterleib wölbt. Ihre Bewegungen wirken wie ein grotesker Tanz um diesen Faden, den ich nicht sehe, von dem ich nur weiß, dass es ihn geben muss. Es ist ein Sich-drehen um ein Nichts und doch hält dieses Nichts die Wespe fest, lässt sie nicht loskommen, lässt sie stehenbleiben in der Luft.
Und plötzlich hatte sie sich doch befreit. Kurz nachdem ich gemeint hatte, ihre Befreiungsversuche würden schwächer, flog sie aus diesem Nichts als wäre es nur ein unbedeutender Zwischenhalt auf dem Weg zum nächsten Obstbaum gewesen.

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13. Juli 2003 – Schwarzmalerei?

Als ich in Maria Taferl ankam, setzte ich mich auf eine Bank vor der Kirche. Mir gegenüber saß ein altes Ehepaar, daneben ein jüngerer Mann. Während ich einen Apfel aß und Wasser trank, bekam ich mit, dass sie auf die Sanitäter warteten. Ihm war wohl während des Gottesdienstes übel geworden. Sie war in großer Sorge. Immer wieder nahm sie seine Hand, streichelte seinen Arm, fasste ihn am Oberschenkel an. Hier war der Tod spürbar. Zwei Leben näherten sich ihrem Ende. Eines davon würde wahrscheinlich früher vorbei sein. Das hieße noch einmal Abschied nehmen, ein später Abschied, der den beiden Angst machte. Sie weinten. Die Sanitäter kamen. Und mit ihnen kam der Bruch in diese Szene. Nein, sie könnten ihn nicht mitnehmen, schließlich seien sie mit dem Auto da und er müsse nach Hause fahren. Oder war es nur eine andere Form, die Angst zu zeigen? Er wollte wohl so tun, als sei alles in Ordnung, das Leben sollte einfach weitergehen.

Später kam ich an einer eingezäunten Weide vorbei. Fünf Schafe lagen im Gras, eines davon war schwarz. Schafe haben untereinander kein Problem mit schwarzen Artgenossen. Wir sondern schwarze Schafe aus, machen sie zu Außenseitern, zu Menschen, die Schuld haben, an was auch immer. Ein Grund findet sich. Und wenn sie gekennzeichnet sind, so wie es die Juden mit den Sternen waren, dann weiß jeder, gegen wen er sich wenden kann, gegen wen er ungestraft vorgehen darf.
Ich denke an das Bild der jungen Frau auf der Fotowand im ehemaligen Saunagebäude der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

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14. Juli 2003 – Der Weg ist das Ziel

Noch liegen drei Wochen vor mir, 21 Tage, von denen ich mindestens 19 gehen werde. Stecke mal wieder in einer kleinen Krise, will ankommen.

Dagmar hat mir eine Antwortmail der Gedenkstätte in Auschwitz vorgelesen. Im ersten Moment habe ich es gar nicht begriffen, erst später habe ich realisiert, dass das eine große Unterstützung für mein Projekt darstellt. Ich freue mich darüber. Und trotzdem spüre ich diese leichte Krise, den Wunsch, das Projekt zu beenden.

Landschaftlich war der Weg traumhaft schön. Ich glaube, ich bin noch nie über mehrere Stunden mit einem derartig beeindruckenden Panoramablick gegangen. Im Süden die Alpen, davor die weiche Hügellandschaft dieser Gegend. Felder in unterschiedlichen Färbungen, Wälder, Dörfer, einzelne Höfe. Von der Kirche in Kollmitzberg aus sehe ich sogar die Donau.

Neben einem Maisfeld sah ich eine alte Frau, die das Gras auf dem schmalen Streifen zur Straße hin zusammenrechte. Sie geht stark gebeugt. Im Näherkommen sehe ich, dass sie viel zu große Turnschuhe trägt. Es ist Mittagszeit und heiß in der Sonne. Ich begrüße sie und frage sie nach ihrem Alter. Sie ist 86. Und trotzdem würde sie hier in der Mittagshitze arbeiten. „Man wird gesünder, wenn man sich bewegt.“ Ihr kleines, altes Gesicht lacht unter dem Kopftuch.

Neben der Kirche steht in Neustadtl wieder einmal ein Kriegerdenkmal. Die Toten des Ersten Weltkrieges sind noch Heldensöhne, die des Zweiten werden nur namentlich nach Gemeinden getrennt genannt. Im Ersten Weltkrieg gab es neben Neustadtl, Nabegg, Windpassing und Kleinwolfstein noch die Gemeinde Judenhof. Im Zweiten Weltkrieg fehlt sie, dafür gibt es nun die Gemeinde Berghof.
Nur auf der großen Panoramakarte, die ganz in meiner Nähe hängt, ist der Hof eingezeichnet. So kann ich auf meiner Karte feststellen, dass Judenhof direkt neben Berghof liegt. Ich denke, dass das unliebsame Judenhof einfach weichen musste, ersetzt wurde durch das unverfängliche Berghof.

In meinem Routenbuch halte ich die Orte fest, an denen ich die Steine ablege und neue aufnehme. Da sie aber nicht an exponierten Stellen liegen, sind sie längst nicht mehr auffindbar. Selbst ich würde sie, glaube ich, bereits fünf Minuten nach dem Ablegen nicht mehr identifizieren können.

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15. Juli 2003 – Zerlegen und Zusammensetzen

Heute bin ich eine kurze Etappe gegangen, was mir aber gut tut, da ich mich körperlich etwas angegriffen fühle und es außerdem mittags ausgesprochen heiß wird, trotz des Windes, der ständig geht.

Von Zeit zu Zeit denke ich über das Zerlegen und Neu-Zusammensetzen der Wörter „dachau“ und „auschwitz“ nach. Eine Art Lautgedicht, das allerdings noch gar keine Form hat.

dachau
da / dach / ach / hau / au (cha)
auschwitz
au / aus / schwitz / witz
Beide Orte ließen sich „nahtlos“ aneinanderfügen:
Dachauschwitz

Ich werde in Mauthausen den Stein aus Wallsee ablegen und einen neuen nach Linz mitnehmen, in eine der Städte, die nach den Plänen Hitlers eine Führerstadt werden sollte.
Dadurch binde ich Mauthausen in einer „hervorgehobenen“ Position in die Wanderung ein. Und ich kann auf jeden Fall dabei bleiben, die Gedenkstätte nicht zu besuchen.

In diesem Zusammenhang: Der letzte „offizielle“ Auschwitzhäftling war Engelbert Marketsch, der am 18. Januar 1945 aus dem Konzentrationslager Mauthausen überstellt wurde und dem die Nummer 202499 eintätowiert wurde. Und ein großer Teil der Häftlinge wurde nach der „Evakuierung“ von Auschwitz nach Mauthausen überstellt. (Evakuiert, was für ein unverfänglicher, fast positiver Begriff – suggeriert er doch Rettung – für das willkürliche Verschieben und damit massenhafte Töten von Menschen.)

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16. Juli 2003 – Gehen und Schreiben füllen meinen Tag

Ich bin sehr früh losgegangen, da es im Laufe des Tages heiß wird. Bereits um 11 Uhr war ich in Pantaleon, habe erstmals die Zeitangabe im Jakobsweg-Buch deutlich unterschritten.

In Pantaleon hatte ich von vorneherein eine längere Pause eingeplant, da ich bei einem Landgasthof vorbeischauen wollte. Vor Tagen als ich dort ein Zimmer reservieren wollte, musste der Besitzer mir absagen, da er ausgebucht war. Er bot mir an, mich nach Mauthausen zu fahren oder aber mir in anderer Weise zu helfen, sollte ich mit der Zimmersuche Probleme haben. Ein ausgesprochen nettes Angebot, wie ich fand. Deshalb wollte ich mich bei ihm persönlich dafür nochmals bedanken.

Wir sprachen über meinen Gedenkweg. Er erzählte mir, in Mauthausen in der Gedenkstätte würde behauptet, dort seien Menschen vergast und verbrannt worden. Meines Wissens nach war Mauthausen ein Lager, in dem durch Arbeit „vernichtet“ wurde.

Kurz bevor ich zur Donaubrücke nach Mauthausen kam, standen entlang der Straße von Marksee nach Arthof Birken. Ich hatte das Gefühl, sie, wenn überhaupt, tagelang nur vereinzelt gesehen zu haben. Und hier, kurz vor Mauthausen, begleiten sie ein Stück meines Weges. Die Bäume, die, mit Auschwitz-Birkenau verbunden, für mich doch auch nach Dachau verweisen.

Noch kein Wort habe ich verloren über die österreichischen Buswartehäuschen, obwohl ich sie durchaus schon einige Male benutzt habe. Es sind meist schöne, gepflegte kleine Gebäude, manchmal aus Holz, manchmal aus Stein. Neben der Bank, die ich so schätze und die hier eigentlich nie fehlt, haben sie manchmal seitlich Fenster, vor denen auch schon mal Blumenkästen mit Geranien hängen. Die Dächer sind meist mit Ziegeln gedeckt.
Was ich bisher noch gar nicht festgehalten habe, ist mein Alltag. Dabei lebe ich, von den Pausentagen und den ersten Tagen in Oswiecim einmal abgesehen, einen sehr klaren und gleichförmigen Alltag. Was manchmal etwas Entlastendes hat, mir aber manchmal auch auf den Geist geht. Dann gehe ich, so wie heute zum Beispiel, an einem Haus vorbei, wo ein Mann gerade den Rasen sprengt. Ich wäre dann gerne dieser Mann, der den Schlauch in der Hand hält, der in zehn Minuten das Wasser abdreht, den Schlauch aufwickelt und sich anschließend im Schatten in den Liegestuhl legt. Der ein Buch nimmt und liest, der ein paar Minuten döst, der nachdenkt, in den Himmel blickt, den Vögeln zuhört. Dieser Mann wäre ich dann gerne. Und nicht ich, einen schweren Rucksack tragend, auf dem Weg zum Zielort der aktuellen Etappe.

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17. Juli 2003 – Kleinmünchen und Neue Heimat

Als ich heute morgen durch den Ortskern von Mauthausen ging, hatte ich nicht den Eindruck, dass die Gedenkstätte hinter allgemeinen Formulierungen versteckt werden soll. Überall weisen Schilder den Weg.
Auch im Fremdenverkehrsprospekt „Mauthausen, die Donau & der Granit“ wird ausführlich auf die Gedenkstätte eingegangen.
Trotzdem, die verharmlosende Formulierung im Prospekt zum Donauradwanderweg halte ich für untragbar. Das ehemalige KZ-Mauthausen ist eine Gedenkstätte des Naziterrors und keine Gedenkstätte aus dem Zweiten Weltkrieg.

Auf einer Gedenktafel an der Nibelungenbrücke in Linz stand: „Mit dem Überschreiten dieser Brücke endeten im Jahre 1945 die Schrecken der Vertreibung für Zehntausende Sudetendeutsche.“ Wer war der Initiator dieser Gedenktafel? Und warum ist es gerade diese Brücke, warum gerade Linz?

Mit der heutigen Etappe verlasse ich den österreichischen Jakobsweg. Ich werde das Buch mit seinen klaren Angaben vermissen, die mir so wie heute geholfen haben, problemlos den Weg zu finden. Auch das gedrungene Holzschild mit der Muschel verliere ich dadurch, das manchmal ganz überraschend an einem Baum auftauchte.
Noch etwas: In Linz gibt es im Süden einen Stadtteil Kleinmünchen. Die Straßen heißen dort zwar „Am langen Zaun“ oder „Radlerweg“ oder „Auwiesenstraße“, aber immerhin, ich bin ein klein wenig in München. Und westlich davon, durch die Mühlkreis Autobahn getrennt, beginnt das Viertel Neue Heimat.

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18. Juli 2003 – Auschwitz beschäftigt mich weiter

Heute vor 5 Wochen bin ich in Oswiecim/Auschwitz angekommen. Ich habe das Gefühl lange unterwegs zu sein. Merke, dass ich einiges an Kraft und Ausdauer eingebüßt habe, ich nicht mehr allzu lange unterwegs sein kann. Bin gespannt, wie ich morgen wieder ins Gehen komme.

Den Stein aus Mauthausen habe ich an der verschlossenen schmalen Pforte des Jüdischen Friedhofs in Linz abgelegt. Zwischen den Eisenstangen konnte ich hindurchfassen und einen neuen Stein aufnehmen.
Ich muss an die erzwungene Nacktheit der Menschen denken, die ermordet wurden. Menschen, die sich nicht kannten, die sich oft erstmals in den Viehwaggons ihres Transportes begegnet waren, was kein Kennenlernen zuließ.
Menschen, die andererseits gerade auf der Rampe getrennt worden waren, von Menschen, die sie kannten, liebten, vertrauten. Menschen, die langsam die Unwissenheit darüber verlieren, warum sie hierher gebracht wurden. Spätestens als sie sich zwischen diesen fremdgebliebenen Menschen und vor diesen befehlenden Bewachern entkleiden müssen, spätestens da wird ihnen klar geworden sein, dass sie nicht zufällig in Viehwaggons hierher gebracht worden waren.

Nach wie vor beschäftigt mich Auschwitz weit mehr als Dachau. Ich denke mehr über den Holocaust nach, über den Versuch, die europäischen Juden zu ermorden, als an die anderen Verfolgten, die in den Konzentrationslagern gelitten haben und ermordet wurden. Dachau (auch Mauthausen) diente dem mörderischen System auf andere Art.

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19. Juli 2003 – Kontinuität des Unrechts

Es ist wahnsinnig heiß.
Ich nähere mich Passau mit stetigen Schritten. Gestern waren es noch 98 Straßenkilometer, heute gilt für den Radweg: Passau 64 Kilometer. Was für den Radweg gilt, will ich jetzt auch wandernd erreichen: ich möchte in drei Tagen in Passau sein.

Warum konnten die Deutschen und die ÖsterreicherInnen nach 1945 problemlos weiterleben, sich eilfertig integrieren in das System der westlichen Demokratien?
War diese kollektive Verdrängung notwendig, um überhaupt weiterleben zu können? Nicht einmal die Fähigkeit zu trauern gab es (Mitscherlich).
Aber kann nur die oder der trauern, der wirklich etwas verloren hat? War es eben kein Verlust, die jüdische Nachbarsfamilie, den kommunistischen Kollegen nicht mehr um sich zu haben? Wurde es im Nachhinein nicht doch als erwünschte „Reinigung“ des Deutschen (und Österreichischen) empfunden?

In der Passauer Ilzstadt gibt es eine Kirche, die in einem der Fenster den angeblichen Hostienfrevel der Juden der Stadt zeigt. Juden, die durch Hakennasen kenntlich gemacht werden (das gleiche Bildschema, das auch „Der Stürmer“ des Julius Streicher benutzte), stechen mit Messern in geweihte Hostien. Der Vorwurf des Hostienfrevels führte dazu, dass die Passauer Juden aus der Stadt getrieben wurden.

Unterhalb der Veste Niederhaus steht die Sühnekirche (St. Salvator). Sie sühnt nicht das christliche Unrecht der Vertreibung, sie wurde errichtet um den falschen Vorwurf des Hostienfrevels zu sühnen. Bis heute steht das alles unkommentiert nebeneinander, niemanden scheint es zu stören.
Es herrscht eine Kontinuität des Unrechts, die das Fremde, Andere nie integrieren wollte. Diese Kontinuität führte zu einer Gewöhnung der Täter und Zuschauer, die sich über Jahrhunderte entwickelte. Die „gelben“ Schafe mit den Hakennasen sollten Opfer sein und Opfer bleiben.

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20. Juli 2003 – Mein Gehen hat sich verändert

Gestern habe ich, da ich beim Zahlen im Hotel etwas warten musste, im Juni/Juli-Programm des Landestheater Linz gelesen. Sie spielen ein Stück von George Tabori („Mutters Courage“) und eines von Sarah Kane („4.48 Psychose“). Außerdem eine Eigenproduktion die „Händchen halten, Köpfchen senken und an Adolf Hitler denken“ heißt.
Heute habe ich mir das Programm näher angesehen. „Opfer.Täter.Zuschauer“ ist der Untertitel zu Kanes Stück „4.48 Psychose“. Durch diese zufällige Entdeckung wird mir das Thema wieder präsent.

Heute hatte ich das Gefühl, dass sich mein Gehen verändert hat. Es ist ein großer Teil meines Alltags geworden. Es ist mittlerweile weder Last noch Vergnügen, auch wenn mir der Rücken weh tut oder ich wunderschöne Sonnenaufgänge erlebe. Es ist ein Tun geworden, das mich stetig voranbringt. Durchschnittlich gehe ich täglich zwischen 6 und 8 Stunden, seit mehr als 30 Tagen. Ich tue es, so wie wenn ich die Steine von Ort zu Ort trage, um die imaginäre Kette zu schaffen, die Auschwitz und Dachau miteinander verbinden.

Das Ziel rückt immer mehr in den Blick. Aber es ist weniger das Ziel Dachau, als vielmehr das Ziel, nach Hause zu kommen.

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21. Juli 2003 – Jesus war Jude

Gestern habe ich in Passau die beiden Kirchen aufgesucht, von denen ich bereits geschrieben habe. An der Kirche St. Salvator, unterhalb der Veste Oberhaus in der Ilzstadt gelegen, steht auf der Hinweistafel: „Wahlfahrtskirche St. Salvator an Stelle der Synagoge erbaut, 1479 – 1570; Propstei 1501 – 1580“. So lapidar kann Zerstörung und Vertreibung ausgedrückt werden.

Geradezu unerträglich aber ist die Formulierung im Kirchenführer zu St. Bartholomäus, in der das Kirchenfenster gezeigt wird, das die angebliche Hostienschändung durch die Juden darstellt. „1477 sollen in ihr (der Synagoge) Juden Hostien geschändet haben, ... Sie stachen in die Hostien mit einem scharfen Messer, wobei Blut herausfloß und das „Gesicht ains antlcz“ erschien. ... Zwei Hostien aber warf man in einen brennenden (!sic) Backofen; da flogen zwei Engel mit Tauben aus dem Feuer.“
Über die Auswirkungen, die dieser ungeheure Vorwurf hat, wird festgehalten: „Die Juden wurden verhaftet und abgeurteilt, die Synagoge wurde abgerissen und an ihrer Stelle die Sühnekirche St. Salvator erbaut.“ Das steht in einem Kirchenführer aus dem Jahre 1985. Lügen, Vorurteile des Mittelalters werden unkommentiert wiederholt. Einzig das „sollen“ lässt einen leichten Zweifel durchscheinen, als könnte es doch anders gewesen sein, als könnte der konstruierte Vorwurf der Hostienschändung doch dazu gedient haben, sich der unbeliebten Juden zu entledigen, ihre Besitztümer einzuziehen.

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23. Juli 2003 – Geistiger Ansporn

Vor ein paar Tagen habe ich in mein Tagebuch geschrieben, dass mir das Gehen mittlerweile weder Last noch Vergnügen ist. Heute finde ich, dass das voreilig war.
Es kostet mich sehr viel Kraft und Energie noch weiter zu gehen. Ich fühle mich absolut leer und verbraucht. Meine Füße, meine Beine, mein Rücken, mein Kopf, sie alle helfen noch mit, aber lange darf es jetzt keinesfalls mehr gehen.
Auf der anderen Seite finde ich es faszinierend, wieviel mein Körper aushält, wie stark mein Geist mich anspornen kann. Heute bin ich über 30 Kilometer gegangen, eine Entfernung, die ich nach Passau nicht glaubte noch einmal zu schaffen.

Ich musste heute an den Raum mit den Decken, dem schwarz lackierten Heizkörper und dem Foto mit den Toten im Auschwitz-Museum denken. Ich will ihn als Raum des Verlustes oder als Raum der Abwesenheit bezeichnen. Es ist für mich ein stark emotionaler Raum. Vielleicht wäre es gut und wichtig, in den Gedenkstätten neben der faktischen Aufarbeitung mehr dieser emotionalen Räume zu schaffen, die eine andere Möglichkeit der Auseinandersetzung mit dem Holocaust in den Konzentrationslagern eröffnen würden.
Ich stelle mir vor, das Foto und den erklärenden Text außerhalb des Raumes zu zeigen, als erklärenden Hintergrund. Der Raum würde für mich an Kraft und Aussage gewinnen, selbst wenn ich die Erkärung dazu nicht wahrnehmen würde.
Der Raum des Verlustes ist für mich wie eine starke Installation. Dieser Raum, so wie er im Museum gezeigt wird, würde auch in anderen Zusammenhängen seine Kraft entfalten und könnte als ein Raum der Abwesenheit wahrgenommen werden. Das macht für mich seine zupackende Stärke aus.

Auf dem Weg nach Eichendorf standen entlang der Straße wieder einmal Birken. Ich weiß nicht, ob ich sie für Tage nur aus den Augen verliere oder ob ich sie tagelang wirklich nicht zu Gesicht bekomme. Ich mag diese Bäume, obwohl sie für mich immer etwas Belastetes haben, immer ein Hinweis sind. Sicherlich während meiner Wanderung ein ganz besonderer und starker Hinweis. Vielleicht wollten sie mir heute zeigen, dass ich nun wirklich bald in Dachau sein werde.

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24. Juli 2003 – Raum für Erfahrungen

Heute habe ich bewusst mehr auf die Bäume geachtet. Es scheint mir wirklich so zu sein, dass ich zeitweise (vor allem) die Birken vergesse. Ich sah sie heute nämlich immer wieder, kann mir also schlecht vorstellen, dass es die letzten Tage anders gewesen sein sollte. Auch einzelne Pappeln sah ich in einiger Entfernung.

Habe wieder an den Raum des Verlustes in Auschwitz gedacht. Mir fielen die Räume der Stille (Leere), die Voids im Jüdischen Museum in Berlin ein. Oder auch der Holocaust-Turm. Dies sind für mich ebenfalls emotionale Räume, in denen ich andere Wahrnehmungen haben kann, in denen ich andere Erfahrungen machen kann.
Ich denke, das hat viel mit der Stille, der Leere zu tun, mit der Kargheit der Räume. Hier gibt es keine Ablenkung. Außer, ich versuche sie mir selbst zu schaffen, um der Konzentration entgehen zu können.
Wenn ich mich aber einlasse auf das optische und akustische Schweigen, dann können sich meine Sinne auf ein anderes Erleben einlassen. Ich kann wirklich Nachdenken, Bedenken.

Ich hoffe in drei Tagen in Dachau anzukommen. Es werden drei anstrengende Tage werden.

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25. Juli 2003 – Mahnung für den Frieden

Ich bin sehr aufgeregt, unruhig in mir. Heute habe ich während der Wanderung die Sandalen, die ich immer außen am Rucksack befestigt hatte, verloren.

Nach all den „toten Helden“, den „auf dem Feld der Ehre für das Vaterland Gefallenen“ in Velden der wohltuend andere Akzent: am Hauptplatz steht ein Mahnmal für den Frieden, das an die Kriege 1870/71, 1914 bis 1918 und 1939 bis 1945 erinnert.

Während der letzten Tage musste ich öfter daran denken, dass in den Ländern, durch die ich gegangen bin, vor 60 Jahren Krieg herrschte, Menschen in Konzentrationslager gebracht und ermordet wurden. Es scheint so weit weg, während ich mich durch die Natur bewege. Aber es ist nicht wirklich weit weg, die Spuren sind noch mehr als deutlich.

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26. Juli 2003 – Dachau, sehr nahe

Der letzte Zwischenhalt ist erreicht: Erding.
Mein Körper signalisiert an immer neuen Stellen, dass er eigentlich nicht mehr will/kann.
Es muss jetzt ein Ende sein. Ich will morgen das Projekt abschließen.
Ich muss raus aus diesen Hotelzimmern, diesen Gäste- und Fremdenzimmern, raus aus diesen Fleischgaststätten, den Supermärkten, den Bäckereiketten. Ich muss raus aus den Wanderschuhen, der seit Wochen gleichen Kleidung. Ich muss raus aus den Tragegurten des Rucksacks, diesem Schneckenhaus meines Alltags.

Ich habe noch weiter über die emotionalen Räume nachgedacht. Mir ist noch der E.T.A.-Hoffmann-Garten im Berliner Jüdischen Museum eingefallen. Dieses Schräge, Stürzende, das einen aus dem Gleichgewicht bringt und damit verunsichert. So wie Kargheit und Stille nach innen greifen, so bringt einen auch die Schieflage aus dem Gleichgewicht. Mir scheint es wichtig und gut, immer wieder das Gleichgewicht zu verlieren, die Sicherheit als nur vermeintlich zu erkennen.

Ich denke, dass es dringend notwendig ist, sich intensive Gedanken zu machen, wie können/sollen Gedenkstätten für nachfolgende Generationen aussehen. Keinesfalls sollten sie zu Events werden, zu „Geisterbahnen“ des Holocaust. In Zeiten fortschreitender Medialisierung kann gerade der Weg in die andere Richtung Erwartungshaltungen enttäuschen und damit eventuell neue Erkenntniswege eröffnen.

Ich bin Dachau sehr nahe gekommen.
Morgen will ich die Gedenkstätte erreichen, dort den letzten Stein der imaginären Kette ablegen. Es wird der 38te Wandertag sein, der 41te Tag, den ich seit Auschwitz/Oswiecim unterwegs bin. Fast 6 Wochen des Gehens liegen dann hinter mir.
Es wird sicher dauern, bis ich ermessen kann, was diese Zeit für mich bedeutet, welche (neuen) Erkenntnisse mir der Weg zwischen den Orten Auschwitz und Dachau eröffnet.

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27. Juli 2003 – Ich bin angekommen

Ich bin angekommen, habe den letzten Stein in der Gedenkstätte abgelegt. Ich bin sehr glücklich darüber, es geschafft zu haben, das Projekt abschließen zu können.
 
Ich verabschiede mich von den Birken neben dem Jourhaus.

Mein Projekt ist keine Idee mehr (Zukunft), keine Realität (Gegenwart), es ist beendet (Vergangenheit).

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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© Texte: Rainald Schwarz – Kartografie: Astrid Fischer-Leitl – Webmaster Bernd Hüller Offset-Service