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Auschwitz – Dachau: Gedanken – 2. Seite

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aktualisiert 16.07.2003


23. Juni 2003 – „Radio Gaga“

Heute schon wieder eine Abweichung vom Plan. Ich bin noch einen Tag in Strecno geblieben. Zum einen tut es mir gut vor den anstehenden schweren Etappen etwas auszuruhen, zum anderen musste ich heute aus pragmatischen Gründen nach Zilina (mit dem Bus gefahren). Ich hatte nämlich kein Geld mehr. Außerdem musste ich mir dringend die fehlenden Karten besorgen, sonst wäre ich in etwa zwei Tagen ohne genaues Kartenmaterial gewesen.

Ich habe ziemlichen Respekt vor den Etappen, die bis Trencin vor mir liegen. Es geht mächtig hinein in die Berge. Von Strecno aus, das auf 360 m liegt, will ich auf dem Europawanderweg 3 morgen hinauf zum Velka Luka (1475 m). Das wird der höchste Punkt meiner Wanderung sein, den ich erreichen werde.
In mir ist eine große Unruhe und Anspannung.

Der Weg gestern war bis auf das Schlussstück vom Sedlo Ziarce nach Strecno (wieder ein asphaltierter Weg, dann eine wenig befahrene Straße) wunderschön.
Bereits wenige Kilometer hinter Kysucke Nove Mesto ging es hinein in die Berge. Auf gut markierten Wegen war es nach einem kräftigen Anfangsanstieg ein sanftes Auf und Ab. Immer wieder boten sich mir herrliche Fernblicke über bewaldete Hügel, Dörfer in den Tälern, weite Wiesenflächen, einzelne Baum- und Buschgruppen.
Manchmal während des Gehens fällt mir etwas auf/ein, das ich gerne in meinem kleinen Nortizbuch festhalten würde. Was aber unmöglich ist, da ich während des Gehens nicht schreiben kann. Bliebe ich aber jedes Mal stehen, um mir das Gesehene, Gedachte zu notieren, so käme ich nur langsam voran.
Die alten Menschen in den Dörfern kommen mir manchmal wie ein Teil der Orte vor. Sie scheinen mir Teil des Rhythmus der Landschaft, des Klimas, der Zeit. Die Männer oft in blauen Arbeitsjacken und -hosen, Gummistiefeln oder einfachen, lange getragenen Schuhen. Die Frauen in bunten Kittelschürzen und Kopftüchern. Ihre Gesichter alt, zerfurcht und doch oft auch alterslos.
Ich könnte ihr Alter nicht schätzen.

Nachdem ich meine Besorgungen erledigt hatte, setzte ich mich an einem der zentralen Plätze, dem Marianske namestic in ein Straßencafe. In diesen Cafes rivalisieren nun lautstark die verschiedenen Formatradiosender gegeneinander. Mainstreamrock, Wortbeiträge, Hardcore, slowakischer Musikantenstadl, eine musikalische Kakophonie, die sich manchmal mit den Stimmen der vorübergehenden Menschen zu interessanten Klangflächen verdichtet, die das einzelne Musikstück nicht mehr erkennen ließen. Im Bus auf der Fahrt zurück nach Strecno lief Queens „Radio Gaga“.

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24. Juni 2003 – Blitz und Donner

Der erste (kürzere) Teil der „Königsetappe“ liegt hinter mir. Ich kam sehr gut zurecht. Als ich losging war ich nicht sicher, ob das Wetter halten würde, aber es war ideales Wanderwetter, nicht heiß, kein Regen. Momentan befinde ich mich unterhalb des Velka Luka (1475 m), den ich morgen überqueren werde, auf etwa 1250 m Höhe in einer praktisch verlassenen Hütte.
Momentan bin ich der einzige Gast. Ich sitze im großen Gastraum, außer mir ist nur die Wirtin da, die Zeitung liest und Fernsehen schaut.
Schlecht ist allerdings, dass ich hier nichts zu essen bekomme. Das was ich an Essen dabei habe, will ich wegen der langen Etappe morgen nicht anpacken.

Letzte Nacht habe ich schlecht geschlafen, die Unruhe in mir vor dem heutigen Tag war einfach zu groß. Dazu gab es gegen 1 Uhr ein heftiges Gewitter und es goß in Strömen. Zuerst sah ich das Licht einzelner Blitze. Den Donner konnte ich erst hören, als das Gewitter näher kam. Es war ein voluminöser Donner, der lange ausklang. Das Gewitter kam heran, langsam mit diesen einzelnen Lichtblitzen, dann war es ganz nah, erhellte das Zimmer, beruhigte sich etwas im Weiterziehen, um dann noch einmal seine ganze Kraft zu zeigen.

Als es endgültig stiller wurde hörte ich einen herannahenden Zug auf der anderen Flussseite. Ich dachte mir, es wäre gut, sich einem Zug anzuvertrauen und zurückgebracht zu werden in die Situation, die ich zu kennen glaube, die mich innerlich nicht so aufwühlt und mich nicht an Grenzen bringt, wie das hier der Fall ist.
Ob die Deportationszüge auch durch Strecno gefahren waren? Viehwaggons mit Menschen gefüllt. Bestimmungsort Auschwitz oder eines der anderen Vernichtungslager. Ich nehme es fast an, weiß allerdings nicht, wie die Bahnlinie hinter Strecno weiter verläuft. Nach Norden erreicht sie wohl zuerst Zilina dann Cadca. Und ich bin in Cadca umgestiegen, um nach Oswiecim zu fahren. Ich bin mir fast sicher, dass die Deportationszüge auch durch Strecno gefahren sind. Worüber unterhielten sich die Menschen am Bahnhof, wenn einer dieser Viehtransporte aus Menschen in der Kurve Richtung Varia verschwunden war?

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25. Juni 2003 – Danko

Es ist kurz vor 5 Uhr morgens. Zwischen den Bäumen vor der Hütte sehe ich glutrot die Sonne aufgehen. Es verspricht ein schöner Tag zu werden. Ich bin nervös, da ich mir sehr viel vorgenommen habe. Um 5 Uhr gehe ich los.
20 Minuten brauche ich von meinem Quartier hinauf zum Velka Luka, der höchsten Erhebung auf meiner Wanderung. Ein unspektakulärer Gipfel, ein Steinhaufen, ein Schild mit der Höhenangabe, eine Sendeantenne.
Die Sonne steht mittlerweile in meinem Rücken. Auf dem Grat nach dem Velka Luka werfe ich einen langen Schatten, der mir extrem weit vorauseilt. So geht es mir manchmal auch mit meinen Gedanken während des Gehens, die oft schon über etwas nachdenken, was noch gar nicht ist. Über das Ankommen zum Beispiel. Ich versuche dann wieder zurückzukommen zu mir, mir klar zu machen, dass ich jetzt hier gehe. Und das ich heute noch sehr viel Weg vor mir habe. Immer wieder muss ich mich daran erinnern.
Wie am Mincol gestern trage ich mich ins Gipfelbuch ein. Das habe ich bisher auf keinem Berg gemacht, fand es antiquiert und unnötig. Auf dieser Wanderung empfinde ich anders. Auch weiterhin werde ich mich auf der Wanderung in Gipfelbücher eintragen.

Ich verlasse den Europawanderweg 3.
Ich stehe am Gipfel des Klak (1351 m), ein sehr markanter Berg mit seiner Felshaube.
Jetzt geht es nur noch bergab, hinunter zum Fackovske sedlo, meinem Tagesziel auf 802 Meter Höhe. Doch wie in Stara Bystrica vor einigen Tagen wartet hier auch die Enttäuschung auf mich. Es gibt kein Hotel, obwohl in der Karte vier (!) eingezeichnet sind.
Im ersten Moment wusste ich wieder einmal nicht, was ich tun sollte. Ich saß in einem Restaurant (das wenigstens hatte offen), trank schwarzen Tee und Mineralwasser (das wenigstens tat ich). Ich war seit heute morgen etwa 10 Stunden gegangen, fühlte mich ausgelaugt, wollte mich duschen und erholen.
Aber das war hier nicht möglich.
Ich nahm die Karte und überlegte, was ich tun konnte.
Die nächste größere Stadt, in der Hotels eingezeichnet waren, war Rajec. Vielleicht fuhr von hier ein Bus dorthin? Cicmany wäre eventuell eine Lösung.
Ich hatte Glück, meine Tischnachbarn nahmen mich mit nach Cicmany. Doch auch dort gab es kein freies Zimmer.
Schließlich traf ich Danko, der mein Behausungsproblem lösen sollte. Er sprach gut Englisch und bot mir an, ich könne bei ihm in Ilava übernachten. Er war mir sympathisch und ich nahm an. Allerdings fragte ich ihn, warum er das denn täte? Er meinte nur, weil ich Hilfe brauche. Und er wolle mir helfen. Später erzählte er mir noch, dass ihm einmal Bauern auf einer Wanderung geholfen hatten, als es ihm körperlich schlecht ging. Und er sagte mir, dass seiner Meinung nach Wanderer eine große Familie sind.

Ich fand die Situation total irre. Er half mir völlig uneigennützig, aus einem Gefühl heraus. Als er dann auch noch kochte (Fischstäbchen mit Kartoffeln und Salat) war ich endgültig überwältigt. Er tat das einfach, um mir zu helfen.
Ich denke, das ist eine ganz starke Begegnung auf dieser Wanderung, die hoffentlich in mir weiter wirkt.
Ich habe mir auf die Wanderung das Foto eines Plakats der Münchner Kammerspiele mitgenommen. In roten Großbuchstaben steht auf diesem Plakat: „Opfer.Täter. Zuschauer.“
Die aufgedruckten drei Hauptworte erinnern mich an den Titel eines Buches von Raul Hilberg, der „Täter, Opfer, Zuschauer“ lautet.
Warum fällt mir das jetzt ein? Hat dieses (mein) einen Fremden vor der Tür stehen lassen, zwar mit Informationen und guten Ratschlägen versehen, nicht auch etwas mit „zuschauen“ zu tun, mit sich nicht einmischen. Ich bin mir nicht sicher, ob das nun zu weit hergeholt ist, aber meine Begegnung mit Danko bringt da etwas in mir zum Klingen, dem ich gerne Nachhören würde.

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26. Juni 2003 – Ich lasse die Zeit vergehen

Das Handy ist das einzige technische Gerät, das ich mit auf die Wanderung genommen habe.
Ich bin zufrieden damit, mir während einer Gehpause Notizen zu machen, die ich dann am Abend oder am nächsten Tag ausformuliere.

Ist es das Schreiben, das mich traurig macht? Oder ist es ein Tag wie heute, an dem ich nur drei Stunden gegangen bin, Zeit und nichts zu tun habe? Aber ich tue doch etwas, ich schreibe, denke nach.
Ich habe das Gefühl, wieder in einer Krise zu stecken. Dabei gibt es das positive Erlebnis von gestern. Oder sehe ich dann gleich mich, der nicht so ist wie dieser Danko, mich, der zwar nehmen kann, aber nicht geben. Und wie ist das in anderen Bereichen? Wie ist es da mit Nehmen und Geben?
Vor einer Stunde war es noch anders, da hatte ich Freude daran zu schreiben, nachzudenken. Jetzt scheint das weggenommen zu sein. Ein Gefühl der Leere macht sich breit, ein Gefühl der Einsamkeit. Wie soll ich die vor mir liegenden Wochen gestalten? Wie kann ich die Wanderung zu einem erfolgreichen Ende führen?
Auch da scheint mir das Jetzt verloren zu gehen. Denn jetzt sitze ich an einem Tisch vor meiner Pension in Cicmany, trinke Tee und lasse die Zeit vergehen.

Heute bin ich nur drei Stunden gegangen. Seit heute bewege ich mich nicht mehr frei durch die Natur. Danko hat mir erzählt, dass es in der Gegend viele Bären gibt. Ich musste mich bereits heute anstrengen, den Weg zu gehen. Die Vorstellung, dass Bären in diesen Wäldern leben, macht mir Angst. Ich habe meine geplanten Routen für die nächsten beiden Tage verändert, werde mehr auf Straßen gehen, die dichten Wälder meiden. Ab Trencin sind Bären kein Thema mehr.
Danko hatte mir empfohlen zu singen, ab und zu zu schreien. Also sang ich und schrie ab und zu. Außerdem klopfte ich von Zeit zu Zeit gegen Bäume, um noch ein weiteres Geräusch zu machen. Überhaupt verhielt ich mich eher laut. Die Vorstellung, eventuell einem Bären zu begegnen, löst Fluchtgefühle bei mir aus. Dabei sollte ich, laut Danko, in so einem Fall schreien, um ihn zu verscheuchen. Denn eigentlich sind sie scheu und wollen nichts von mir. Aber ich möchte doch versuchen, eine derartige Begegnung zu vermeiden.

Ich gehe noch einmal hinaus, um den mitgebrachten Stein vom Fackovske sedlo abzulegen und einen neuen für morgen aufzunehmen. Als Ort wähle ich das Rathaus. Nachdem ich den neuen Stein aufgenommen habe, sehe ich die beiden Gedenktafeln. Eine erinnert an die Partisanen aus dem Ort, die im Kampf gegen die faschistische Unterdrückung umgekommen sind. Die zweite gedenkt der vier Menschen aus Cicmany, die im Lager Mühlberg ermordet wurden. Eine 15-jährige Helena ist darunter.

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27. Juni 2003 – Immer das gleiche Lied

Wieder ein Tag durch die Bärenwälder. Allerdings versuche ich meine Angst etwas zu beruhigen, indem ich die Straße benutze. Was eigentlich lächerlich ist, da sich die Bären wohl kaum um diese wenig befahrene Straße scheren. Mir vermittelte dieser erneute Großstädterunsinn aber zumindest ein gewisses Gefühl der Sicherheit. Ich war jedesmal froh, wenn ich ein sich näherndes Auto hörte. Schon verrückt, wie ich mich plötzlich über Dinge freuen kann, die mich normalerweise eigentlich stören.
Außerdem habe ich heute sehr viel gesungen, immer das gleiche Lied.

Danko hatte mir gesagt, es sei gut, sollte ich tatsächlich einem Bären begegnen, zu schreien. Also übte ich auch schreien. Und wenn ich rennen müsste, dann sollte ich bergab laufen, das würden Bären nicht mögen, da sie kurze Hinterbeine haben. Also hatte ich auch immer ein Auge auf die Abhänge. Immerhin gelang es mir relativ ruhig nach Kosecke Podhradic zu kommen.

Ich machte mich an den Aufstieg hinauf zum Vapec, der zwar nur 955 m hoch ist, da ich aber von 350 m aus los ging, war es letztlich doch sehr anstrengend hinaufzukommen.
Endlich oben angekommen, war der Blick ganz wunderbar. Überall diese bewaldeten Berge, die Täler mit den Dörfern. Von hier aus wirkten die Wälder nicht bedrohlich. Wenn ich aber in ihnen gehe, so fühle ich mich mittlerweile eher unwohl. Und das nicht allein wegen der Bären. Es ist diese scheinbar unendliche Undurchdringlichkeit. Ich freue mich auf jede Lichtung, jede Wiese, jeden freien Blick hinauf zum Himmel.

Resonanz:

Dear Sir,
I am sorry to answer you only now for your e-mail of June 10, 2003. I hope you are on the way to Dachau and wish you all the best in your effort to commemorate the victims of the Nazi terror.
best regards,
Jarek Mensfelt
Publishing & Information Departement Oswiecim

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28. Juni 2003 – Gedenkweg

Heute ist Kontrastprogramm angesagt. Als ich nämlich in Trencianske Teplice ankomme, habe ich das Gefühl, in eine andere Welt zu kommen. Dieses Heilbad (Teplice heißt Heilbad) wirkt mächtig herausgeputzt.
Das erste Denkmal, das ich sehe, wird auf einer Tafel slowakisch und deutsch erklärt. Es erinnert an die toten Soldaten des Ersten Weltkrieges aus Trencianske Teplice.

Die letzten beiden Wandertage waren vom Gehen her ausgesprochen gut. Meinen Füßen geht es immer besser. Mittlerweile habe ich den Zustand, ein wandelndes Blasenpflaster zu sein, verlassen. Mehr zur Beruhigung schütze ich nur noch die oberen Bereiche von zwei Zehen. Die Routen sind mittlerweile auch weniger anstrengend. Die großen Höhen liegen hinter mir. Und auch die Bären haben sich verabschiedet.
Morgen will ich nach Trencin gehen.

Gestern fragte mich Danko, warum ich die Wanderung mache: „Do you feel guilty?“ Nein, schuldig fühle ich mich nicht. Ich versuchte ihm zu erklären, warum ich mich entschlossen habe, diesen Weg zu gehen, den ich als Gedenkweg sehe. Dass ich mich den Fragen stellen will, die mich in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus beschäftigen.
Danko hatte mich am ersten Abend gefragt, ob ich Jude sei. Das wäre für ihn eine ausreichende Begründung gewesen. Warum reicht es eigentlich nicht, Deutscher zu sein und diesen Weg zu gehen?
In unserem Gespräch gestern kamen wir dann auf die Frage nach „dem Bösen“ im Menschen. Danko hat als Psychologe und Musiktherapeut mit Kriminellen zu tun, mit Menschen also, bei denen „das Böse“ sich gezeigt hat. Wie ist es aber mit „dem Bösen“ bei einem selber? Gibt es dieses Böse in jedem, das, wenn es angeregt wird, zum Ausdruck kommt?
Ich denke, jeder Mensch macht im Laufe seiner Entwicklung Erfahrungen, die dieses Böse entstehen lassen. So nebulös das formuliert ist, es scheint mir nicht anders möglich, da es ein Potential ist, das keine klare Gerichtetheit hat. Dieses Potential muss dann auf Situationen treffen, die es dazu auffordern, sich nach außen zu wenden, aktiv zu werden oder aber in anderen dieses Potential anzuregen, es quasi zu delegieren.
Womit ich in gewisser Weise wieder bei dem Komplex Täter-Opfer-Zuschauer wäre, vor allem beim Wortpaar Täter-Zuschauer. Zuschauer kann nur sein, wer innerlich zustimmt. Auch Angst könnte doch eine Form der Zustimmung sein, da „das Böse“ die guten Anteile hinter diese Angstwand verschiebt und damit passiv werden lässt.

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29. Juni 2003 – Auf in die Weite

Trencin ist erreicht. Von Trencianske Teplice war das zwar kein weiter und anstrengender Weg. Und doch habe ich das Gefühl, einen großen Schritt getan zu haben. Ich bin raus aus den Wäldern, die mich wegen ihrer Dichtheit, ihrer Dunkelheit, ihrer scheinbaren Unendlichkeit immer mehr deprimiert haben. Auf jede noch so kleine Lichtung habe ich mich gefreut, auf jedes Heraustreten auf eine Wiese. Wieder die Sonne sehen, den Himmel, dass da Weite ist.

Trencin stellt sich mir als Kontrast in sich selbst vor: das schöne gepflegte Innere, das hässliche schmutzige Äußere. Ab und zu geht ein Mensch aus dieser Außenwelt durch die gute Stube und stört etwas den Anblick. Aber auch ich bewege mich ja heute nur in dieser Innenwelt, ein reicher Gast aus Deutschland, dem es nicht viel ausmacht, den Wochenlohn eines slowakischen Arbeiters für eine Übernachtung auszugeben.

Ich komme zur Synagoge, 1909 bis 1912 errichtet, ein beeindruckender Bau mit mächtiger Zentralkuppel. Ich kann durch die Fenster etwas vom Inneren sehen, habe den Eindruck, es ist leer. Auf der der Straße abgewandten Seite entdeckte ich bunte Glasfenster. Am Seiteneingang hängt eine Tafel mit dem siebenarmigen Leuchter, die ich erst finde, als ich zum zweiten Mal an der Synagoge vorbeigehe.
Die Synagoge ist ein Teil der Stadtansicht von oben, wie die Flutlichtmasten des Fußballstadions, das offensichtlich in unmittelbarer Nähe zur Altstadt liegt. Gibt es nach 1945 noch jüdische Geschichte in Trencin? Die Synagoge scheint nicht mehr ihrer ursprünglichen Funktion zu dienen, so zumindest ist mein Eindruck.

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30. Juni 2003 – Langsame Beschleunigung

Der Tag heute war sehr anstrengend. Ich habe aus zwei Etappen eine gemacht. Und befürchte, mich übernommen zu haben.
Nach den Anstrengungen der Berge und Wälder hatte ich heute die Anstrengungen der Ebene und der Straßen. Von Trencin aus ging ich auf dem Damm entlang der Vah bis nach Nove Mesto.
Einige Kilometer vor Nove Mesto verlief parallel zu meinem Weg eine neu gebaute Autobahn, die in meiner Karte als geplant vermerkt ist. Schon ein seltsames Gefühl, wandernd eine Autobahn zu begleiten.
Auf dem Dammweg unterquerte ich die neue Autobahnbrücke und fühlte mich, manchmal vielleicht nur 20 Meter entfernt, als Teil dieser Autobahn. Ihre Geräusche, ihre Geschwindigkeit dominierten für einige Zeit meinen Weg. Natürlich war ich ganz und gar nicht Teil dieser Autobahn. Nach wie vor sah ich vor mir das braune vertrocknete Gras, hörte sogar immer wieder das Rascheln der Halme unter meinen Schuhen.
Nach wie vor bewegte ich mich etwa mit 5 Stundenkilometern voran, spürte im Kontrast zu den vorbeihastenden Fahrzeugen meine Langsamkeit. Und ich fühlte die Hitze des Tages, suchte immer wieder nach Schatten, oft genug ohne ihn zu finden.

Wandern ist eine langsame, gleichartige und gleichförmige Bewegung. Da ich heute in der Ebene ging, wurde mir das viel deutlicher als in den Bergen und Wäldern. Manchmal sah ich in einer Entfernung einen Baum, der Schatten anbot. Meine Augen sagten mir, der Weg dorthin ist nicht weit. Meine Beine aber stellten fest, dass es doch vielleicht eine halbe Stunde dauerte, um den Schatten zu erreichen.
Der Weg lässt sich nicht verkürzen, indem ich einfach schneller gehe. Ich kann nicht beschleunigen, um schneller dort zu sein. Ich kann es versuchen, aber dieses Beschleunigen bewegt sich in einem Rahmen, der mir kaum merklich erscheint.

Auf dem Dammweg vor Nove Mesto fiel mir heute Jean Tinguelys „Mengele-Altar“ aus dem Basler Museum ein. Ich weiß nicht, wie mein Kopf mich dorthin geführt hatte. Sie waren da, diese dunklen, düsteren Maschinen aus den Resten der Landmaschinenfabrik Mengele, die Tinguely zu einer beweglichen Skulptur zusammengefügt hat. Ein Moment der Erinnerung, der sich aus dem Namen des eleganten und feinsinnigen KZ-Arztes Josef Mengele ergibt, der gerne an der Rampe in Auschwitz stand, um Herr sein zu können über Leben und Tod. Er war so ein Meister aus Deutschland.

Nove Mesto, mein eigentliches Tagesziel gefiel mir nicht.
Da ich auch kein Hotel fand, wollte ich weiter. Auf einer relativ befahrenen Landstraße bewegte ich mich unter der brütenden Sonne weiter nach Süden.
Die letzten Kilometer fielen mir sehr schwer, obwohl ich da bereits in Piestany war.

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1. Juli 2003 – Eine doppelte grüne Rohrleitung

Auch heute ist es wieder der Asphalt, der mir zu schaffen macht. Während der etwa sieben Stunden, die ich unterwegs bin, folge ich einer Landstraße. Mittagspause mache ich in Velke Kostolany. Ich sitze wieder einmal, in einem Buswartehäuschen, wobei mir die in Polen und in der Nordslowakei meist besser gefallen haben.
Hinter Velke Kostolany sehe ich das Atomkraftwerk Jaslovske Bohunice mit seinen 8 Kühltürmen. Aus einem steigt kein Dampf auf. An der Abzweigung zum Kraftwerk steht eine große Heiligenfigur auf einer Säule.
Riesige Hochspannungsleitungen laufen hinaus ins Land. Eine doppelte grüne Rohrleitung begleitet mich bis Trnava, wo sie in einem aus grauen Ziegeln gemauerten Raum endet, der etwa eine quadratische Grundfläche von 25 qm hat, etwa 1 Meter hoch ist und eine Betondecke hat. Was verläuft in der Rohrleitung? Und was endet da in diesem unscheinbaren Raum?

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2. Juli 2003 – Sonnenblumenfelder

Heute war ich stark mit dem Gehen beschäftigt. Die Straßen, die Sonne, die Hitze, sie haben viel von mir gefordert. Habe das Gefühl, nicht mehr viele Reserven zu haben. Und meine Füße sehen auch nicht gerade toll aus.
Ich plane für morgen eine kürzere Etappe, bis Raca, die allerdings durch die kleinen Karpaten führt. Dort habe ich erstmals ein Zimmer vorgebucht, versuche mir also ein Umfeld zu schaffen, das meiner angegriffenen Situation gerecht wird. Mal sehen, wie es den Füßen geht.

Sonne bekam ich heute nicht nur von oben, sondern auch von der Seite. Weit dehnten sich die Sonnenblumenfelder, lachten mich an oder zeigten mir die Rückseite. Darüber schwammen Wolken wie Inseln im Blau des Himmels. Ein kräftiger Wind blies, der aber gegen Mittag nachließ und mich wieder der Hitze überließ.
Die letzten Kilometer bis Pezinok waren extrem anstrengend.

Frustrierend ist es auch, das Ortsschild des Ziels zu sehen und gleichzeitig zu wissen, noch wird mindestens eine Stunde vergehen, bis ich wirklich angekommen bin. Nur für eine Nacht, denn ich bin ein Durchreisender, einer, der sich am Morgen wieder auf den Weg macht.

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3. Juli 2003 – Birken sind schöne Bäume, Birken sind traurige Bäume

Ich bin in Raca, also eigentlich in Bratislava, da Raca ein Vorort davon ist. Ich bewohne Zimmer 220 im Hotel Baronka, einem weißen Kasten mit 228 Betten, Kongresssaal, Konferenzräumen, Schwimmhalle, Sauna, Fitnessraum, Restaurant, Weinstube. Genau die Welt, in der ich es gewohnt bin, mich zu bewegen.
Ich bin in Bratislava angekommen. Morgen werde ich versuchen, nach Österreich zu gehen, werde mir meine Sprache zurückholen. Die Strecke ist machbar, mir scheint es ein großer Schritt auf dieser Wanderung. Ein größerer Schritt als der von Polen in die Slowakei. Dort tauschte ich nur zwei fremde Länder, zwei fremde Sprachen. Auch wenn ich Eindrücke mitnehme, bin ich fremd geblieben.
Die Orte und Städte, durch die ich gekommen bin, habe ich nur während des Gehens wahrgenommen. Richtig gewesen bin ich nirgends, auch wenn ich mich an dem einen oder anderen Zielort in ein Cafe gesetzt habe, um etwas zu trinken. Die Bewegung bestimmt meine Tage. Ich bin nicht unterwegs, um mir Dinge, Orte, Sehenswürdigkeiten anzusehen. Und wenn sie mich angesprochen haben, so waren es Momente, die in mir etwas ausgelöst haben, das ich festhalten wollte.
Stärker erlebt habe ich die Landschaft, sie hat mich tagtäglich begleitet. Zuerst waren es die Berge und Wälder, die mich wegen ihrer Undurchdringlichkeit, ihrer Dunkelheit nach einigen Tagen selbst dunkler werden ließen. Dann kam das Licht der Ebene, das mich aber mit seiner Hitze und Gleichförmigkeit ebenfalls bedrückte. Es war schön, heute wieder einmal durch den Wald zu gehen. Und es war schön, dass es regnete und kühl war.

Gestern noch saß ich müde auf einer Steinmauer in Senkvice und sah traurig dem Zug in Richtung Bratislava hinterher, heute bereits bin ich in dieser Stadt, auch wenn sie hier Raca heißt und nur ein Vorort ist, der wie ein Vorort aussieht.

Der Weg hierher führte durch die kleinen Karpaten. Er war nicht anstrengend, die Berge haben seit Martinske hole doch stark an Höhe verloren, erreichen nur noch etwa 400 Meter. Aber ich bin noch einmal ein Stück auf dem Europafernwanderweg 8 gegangen. Und auch morgen werde ich mich auf ihm bewegen.

Auf dem Weg heute habe ich viele Birken gesehen. Sie erinnern mich an Birkenau, den Beginn meiner Wanderung. Auch die Birken neben dem Jourhaus in der Gedenkstätte in Dachau erinnern mich an Birkenau, an die Wäldchen, wo die Menschen manchmal warten mussten, ehe die Henker ihre Vorbereitungen beendet hatten und die Gaskammern bereit waren. Birken sind schöne Bäume mit ihren weißen Stämmen. Birken sind aber auch traurige Bäume.

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4. Juli 2003 – Da war sie wieder, meine vertraute Sprache

Ich erwache in meinem Hotelsilo in Raca, mache mich fertig, frühstücke, gehe los. Ich finde die weiß-blau-weiße und die weiß-gelb-weiße Markierung, die mich (ein letztes Mal) zum Weiß-rot-Weiß des Europafernwanderwegs 8 führen.

Grenzen wie die in Berg/Petrzalka sind nicht für Fußgänger gemacht. Ich musste die PKW-Spur benutzen. Die Grenzbeamtin lächelte mich an, als sie fragte: „Zu Fuß?“ Da war sie wieder, meine vertraute Sprache, mit der ich mich die nächste Zeit würde verständigen können, um meine Alltagsprobleme zu lösen.

Nach etwa zwei Kilometern bemerkte ich einen Wachturm aus Holz, der im oberen Bereich nach Osten hin verglast und offensichtlich beheizbar war, da ein silbern gestrichenes Ofenrohr oberhalb des Ausgucks ins Freie führte. Im Näherkommen sehe ich zwei Menschen, die mit Feldstechern in meine Richtung schauen. Als ich fast auf Höhe ihres Beobachtungspostens ankomme, steigen sie herunter. Es sind Soldaten. „Guten Tag, Grenzlandüberwachung! Ausweiskontrolle!“ Ich zeige meinen Ausweis. Er blickt mir ins Gesicht, ein vergleichender Blick mit meinem Foto. „Weg frei!“ Ich darf endgültig nach Österreich.

In Wolfsthal machte ich Rast auf einer Bank am Ortseingang. Ich wollte noch weiter bis Hainburg, eine etwas größere Stadt, um dort eben am nächsten Tag meine notwendigen Besorgungen machen zu können.
Ehe ich weitergehe fällt mir das Schild des Donau-Radwanderwegs auf. Als nächste Stadt in Richtung Osten wird Preßburg genannt, nicht Bratislava. „Ein schönes Stück Österreich.“ Hat sich so wenig geändert? (Immer wieder werde ich die Bezeichnung Preßburg finden: auf dem Umschlag des Buches, dessen Route ich weitestgehend folgen will, auf Stadtplänen, die ich am nächsten Tag in der Hainburger Buchhandlung sehen werde.)

Der erste große Teil der Wanderung liegt hinter mir, noch ist aber längst nicht die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Trotzdem habe ich das Gefühl, schneller als gedacht vorangekommen zu sein, gerade auch weil große Höhenunterschiede hinter mir liegen.
Ich entferne mich von Auschwitz/Oswiecim, bewege mich auf Dachau zu. Auschwitz ist mir nach wie vor präsent, immer wieder angeregt durch Beobachtungen, die ich auf dem Weg mache, durch ein Michzurückbesinnen, das mir leicht fällt. Dachau dagegen liegt noch weit entfernt.
Die Verbindung zwischen den beiden Orten Dachau und Auschwitz und dem wofür sie stehen, die sich intellektuell herstellen ließ, sie ist emotional noch nicht bei mir angekommen. Vielleicht liegt das daran, dass ich mich nicht nur auf Dachau zubewege, sondern damit auch nach Hause gehe.

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5. Juli 2003 – Die negierte Synagoge von Hainburg

Heute ist also mein erster wirklicher Tag der Ruhe. Ich habe ihn genutzt, um in Hainburg einige dringend notwendige Besorgungen zu machen (Landkarten, Pflaster, Sonnenmilch). Von meiner Pension aus waren es aber nur ein paar Schritte, um das alles zu erledigen.
Meinen Füßen tut der Tag gut. Gestern, selbst noch in der Nacht als ich im Bett lag, haben sie mir weh getan. Auch die Schultern und der obere Rückenbereich scheinen sich heute wieder entspannt zu haben.
In der Hainburger Stadtinformation erfahre ich, dass es hier keine jüdische Gemeinde mehr gibt, wohl aber die Reste einer alten Synagoge. Im Faltblatt mit dem historischen Rundgang heißt es: „Der Bau stammt aus der 1. Hälfte des 14. Jhdts., und wäre dann eine der ältesten Synagogen Österreichs.
Ich gehe dorthin, weiß, dass ich neben der Buchhandlung Libro die Durchfahrt in den Innenhof nehmen muss. Es ist eine schäbige Durchfahrt, in der Aschentonnen stehen, und die Farbe an den Wänden zu Schmutz geworden ist.
Ich sehe die Synagoge und kann nicht glauben, was ich sehe. Das aus Ziegeln errichtete Gebäude steht eingebaut neben einem Haus aus den 60er Jahren, davor eine betonierte Laderampe mit einer Treppe hinauf. Überbaut ist diese Rampe mit einer Holzkonstruktion für privat Fahrzeugstellplätze. Seitlich angebracht entdecke ich das blaue Schild „Kulturdenkmal“. Ich stehe vor einer absoluten Missachtung. Und das nicht, weil es vielleicht („die archäologische Untersuchung ist aber noch nicht abgeschlossen“) eine der ältesten Synagogen Österreichs ist, sondern weil es den Ort missachtet, indem es ihn völlig negiert.

Ich gehe zurück zur Stadtinformation. Die Frau, die mir den Weg zur Synagoge genannt hatte, schließt gerade das Büro. Ich sage ihr, wie entsetzt ich über das Gesehene bin. „Da können wir leider nichts machen, das ist Privatbesitz.“ Nein, nicht einmal eine Hinweistafel könnten sie dort anbringen.

Noch etwas anderes fällt mir auf, wenn ich im Rundgang durch das historische Hainburg über die Synagoge lese: „Zwischen 1320 und 1420 war in Hainburg eine bedeutende jüdische Gemeinde,...“. Es ist mehr als verdächtig, wenn so eine jüdische Gemeinde im Mittelalter so klar definiert (1420) endet. War es ein gewaltsames Ende? Wurden sie der Brunnenvergiftung bezichtigt, des Hostienfrevels, der Kindstötung? Und wenn nicht ermordet, so doch zumindest aus der Stadt verjagt?

Ich sitze auf einer Bank an der Donau, blicke auf den Fluss, der schnell an mir vorbeifließt. Ich weiß, die Isar mündet in die Donau. Wohin mündet eigentlich die Amper, die durch Dachau fließt?

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6. Juli 2003 – Die Wächter von Petronell

Mein Körper ist müde. Der Tag Pause hat diese Müdigkeit nicht beseitigt. Nach dem heutigen Gehtag ist sie wieder da, und ich weiß, sie wird bis zum letzten Tag bleiben. Ich werde Probleme mit meinen Füßen haben, werde die Last des Rucksacks spüren. Und werde trotzdem versuchen, jeden Tag weiter zu gehen.
Ich bin nicht sicher, ob die Entscheidung, morgen eine Nacht in Wien zu bleiben gut ist. Vielleicht lenkt mich die Stadt zu sehr ab, mit all den schönen Erinnerungen, die ich an sie habe.

Da ich auf das Gehen konzentriert bin, lasse ich Sehenswürdigkeiten links liegen, an denen ich normalerweise keinesfalls vorbeigehen würde. Heute zum Beispiel kam ich durch Petronell-Carnuntum, ging an einer romanischen Rundkapelle vorbei, an zwei römischen Amphitheatern und weiteren Ausgrabungen aus dieser Zeit. Das macht mir nicht viel aus. Ich weiss, dass ich mit Anderem beschäftigt bin, Anderes im Vordergrund steht.
In Petronell sah ich heute die ersten Gartenzwerge. Es waren drei, die wie Wächter vor (!) dem Gartenzaun an der Straße standen.

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7. Juli 2003 – Friedhof der Namenlosen

Während ich von Fischamend kommend an der Donau in Richtung Schwechat wandere, denke ich an das Denkmal Alfred Hrdlickas in Wien. Er thematisiert unter anderem die öffentliche Demütigung der Juden Wiens, die nach dem „Anschluss“ Österreichs schrubbend die Bürgersteige von Parolen reinigen mussten. Drumherum lachende Arier, es war eine „Hetz“. Ich sehe die Fotos vor mir.
An ein junges Gesicht meine ich mich zu erinnern, das besonders freudig dieser Erniedrigung ehemaliger Nachbarn, Bekannter, Freunde vielleicht beiwohnt. Ich werde es suchen, wenn ich wieder in München bin. Er vor allem, aber auch die anderen, die dieser „Hetz“ zusehen, sie sind keine Zuschauer mehr im Sinne von Betrachtern, deren innere Haltung gegenüber dem Betrachteten unklar ist, nein, sie sind in meinen Augen Täter.

Gestern hatte ich in meinem Stadtplan zufälligerweise entdeckt, dass es auf meinem Weg in die Stadt Wien einen „Friedhof der Namenlosen“ gibt. Ich finde ihn zwischen Speichern, Silos, Zollamtsgebäuden am Alberner Hafen. Bei den Namenlosen handelt es sich um die Menschen, die die Donau im Bereich Wien als Leichen angespült hat und die nicht identifiziert werden konnten. (Was nicht ganz stimmt, da es auf diesem Friedhof an den schwarzen Eisenkreuzen mit dem silbernen Jesus auch Namensschilder gibt. Offensichtlich gelang es bei einigen später herauszufinden, wer sie waren.)
Ich erinnere mich an die vielen Namenlosen, die in Auschwitz ermordet wurden. Die keine Einzelgräber haben. An die vier schwarzen Gedenksteine, an denen der Weg durch die Gedenkstätte immer wieder vorbeiführt, die in polnisch, englisch und hebräisch an ihr Schicksal erinnern.

„Here lie their ashes. May their souls rest in peace.“

Der Weg durch Wien war anstrengend und letztlich frustrierend. Es gab keine Zimmervermittlung am Südbahnhof, wie ich vermutet hatte. Ich fuhr mit der Straßenbahn ein paar Stationen zum Schwarzenbergplatz, fand, nachdem ich gefragt hatte, das Infozentrum neben der Albertina.
Ehe ich hineingehe, um mir ein Zimmer vermitteln zu lassen, sehe ich das Hrdlicka-Denkmal, an das ich während des Tages bereits gedacht hatte. Ich denke, es war eine gute Entscheidung, durch Wien zu gehen. Und ich denke, es ist ein guter Ort, um den mitgebrachten Stein aus Fischamend abzulegen und einen neuen für den morgigen Tag aufzunehmen.

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8. Juli 2003 – Mein Gedicht von Robert Lax

Etwa 280 Schritte habe ich mich herausbewegt aus Wien und bin doch etwa 14 Kilometer gegangen. Wien ist eine große Stadt.

Ich las wieder einmal das Gedicht von Robert Lax, das ich als einzige Lektüre mit auf die Wanderung genommen habe. Ich frage mich, warum ist Robert Lax zum Sterben nach New York zurückgekehrt. (Vielleicht kann ich auch dazu in München etwas in Erfahrung bringen.)
Und noch etwas, das mich seit einiger Zeit beschäftigt und das ich zumindest einmal als Gedanken festhalten will. In dem Buch des italienischen Autors Eraldo Affinati über seine Wanderung von Venedig nach Auschwitz ist an einer Stelle die Rede von den vielen Toten, die er mitnimmt. Er nennt dabei zum Beispiel Primo Levi, Jean Amery, Menschen, die wie er andeutet, Auschwitz überlebt, aber doch nicht überlebt haben, weil sie später Selbstmord begingen. Ich frage mich, ob er ihnen damit nicht etwas wegnimmt, was er ihnen nicht wegnehmen sollte. Ist es nicht zu oberflächlich gedacht, Menschen, die in Auschwitz waren und sich später selbst getötet haben, pauschal dazu herzunehmen, zu sagen, ein Leben nach Auschwitz war nicht möglich? Nimmt er ihnen nicht damit doppelt etwas weg?

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9. Juli 2003 – Bäume als Symbole

Mit dem heutigen Tag ist glaube ich, der Einstieg in den zweiten Teil wirklich gelungen. Es war ein guter Tag. Ohne mich zu hetzen, habe ich ein ordentliches Stück Weg hinter mich gebracht. Meist führte er, ohne große Höhenunterschiede, durch den Wald. Wieder waren es oft Buchen, sie schienen mir aber lichter zu stehen als in der Slowakei. Obwohl auch ihre Kronen den Blick nach oben in den Himmel einschränkten.
Ich bewege mich langsam auf Mauthausen zu. Ich weiß noch nicht, ob ich die Gedenkstätte besuchen werde.

Fühle mich momentan etwas leer geschrieben. Die Ideen kommen mir nicht mehr so in den Kopf. Oder sie wiederholen sich. Ich sehe Birken, denke an Birkenau; ich sehe Pappeln, denke an Dachau. Das muss ich nicht jedesmal hinschreiben. Zu den Bäumen möchte ich aber doch noch ein paar Gedanken festhalten. Vorgestern habe ich geschrieben, die Pappeln in Dachau sind nicht nur Bäume. Ich meine damit nicht, dass die Pappeln entlang der ehemaligen Lagerstraße etwas anderes geworden sind. Sie sind Pappeln geblieben und werden es sein, so lange sie dort stehen. Ich habe sie zu etwas anderem gemacht, zu einer Art Gedächtnis, das mein Wissen über das Konzentrationslager beinhaltet. Ich kann sie, speziell auf dieser Wanderung, nicht mehr nur als Pappeln oder als Bäume wahrnehmen. Sie sind für mich zu einem Symbol für Dachau geworden.
Ähnlich geht es mir mit den Birken, die für mich beide Orte in sich tragen. Sie schaffen eine Art Verbindung zwischen Dachau und Auschwitz, die ich versuche wandernd zu erleben, zu vertiefen.
Das ist es ja auch, warum ich zögere, die Gedenkstätte in Mauthausen zu besuchen. Ich befürchte, dass es mich ablenken könnte von dem, was ich mir als Thema mitgenommen habe.

Vor dem Hrdlicka-Denkmal in Wien heißt es auf einer Tafel im Boden: „errichtet im Bedenkjahr 1988“.
Halte ich eigentlich für einen angemessenen Begriff: wer etwas wirklich bedenkt, denkt darüber nach, er neigt nicht nur gedenkend den Kopf.

Ich denke, ich werden die Gedenkstätte in Mauthausen und die „Todesstiege“ umgehen.

Als ich heute an einer Ausgrabung vorbeikam, konnte ich mir einige Fundstücke ansehen. Unter anderem wurden mir die Skelettteile eines Menschen gezeigt. In Auschwitz wurden die Knochen de ermordeten Menschen zermahlen und ausgestreut. Nicht einmal die Skelette durften bleiben.

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• Zur ersten Seite der Chronologie: 12. – 22. Juni 2003

Fortsetzung hier


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© Texte: Rainald Schwarz – Kartografie: Astrid Fischer-Leitl – Webmaster Bernd Hüller Offset-Service